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Einer, der sich aufgemacht hat


Datum: 
13.04.2018


Zum Bruder-Konrad-Jahr: Impulse für achtsame Biografiearbeit

 


Mit beiden Beinen mitten im Leben stehend. Die Arme geöffnet für den Mitmenschen, und damit den Gekreuzigten abbildend. So sieht der Wegscheider Künstler Michael Lauss den heiligen Pförtner von Altötting. Die lebensgroße Figur entstand für die Sonderausstellung "Geöffnet sein", die bis Ende Oktober im Papstgeburtshaus in Marktl am Inn zu sehen ist. Infos unter www.papsthaus.eu. Foto: Lauss

Einer, der sich aufgemacht hat

Zum Bruder-Konrad-Jahr: Impulse für achtsame Biografiearbeit

Wer sich in seinem Jubiläumsjahr mit Bruder Konrad beschäftigen mag, findet immer wieder Impulse für die eigene Biografie und für eine zeitgemäße, lebenspraktische Spiritualität. Im zweiten Teil des Bistumsblatt-Beitrags von Konrad Haberger geht es um die Verbindung von Glauben und Alltag, um eine „bodenständige Theologie“.

 

Alles hat seine Zeit. Hans Birndorfer hat sich, wie wir gesehen haben, Zeit gelassen mit seiner Entscheidung. Mit 31 Jahren macht er sich endgültig auf zu seinem neuen Leben. Oder besser: Er setzt seinen Weg konsequent fort. Denn ein spektakuläres Bekehrungserlebnis ist aus dieser Vita nicht überliefert. Eher geht es um einen inneren Reifungsprozess, um konsequente Weiterentwicklung, Intensivierung. Sein Weg führt ihn folgerichtig von Parzham nach Altötting. Dort wird er 41 Jahre lang als Klosterpförtner seinen Dienst tun. Nicht „irgendwie und sowieso“, sondern „immer unverdrossen“ (wie auf seinem Sterbebild steht).
Diese 41 Jahre, befand der Schweizer Kapuzinerbischof Paul Hinder vor Jahren in einer Festpredigt,  waren für Bruder Konrad „nicht einfach ein interessanter und von ihm selbst gesuchter Job. Sein Dasein als Pförtner ist die Verwirklichung seiner Person. Wenn er oft bis zu 200mal am Tag an die Pforte gehen und an gewissen Tagen das Vielfache davon an Menschen hereinlassen musste, dann war er ganz bei sich selbst.“
Da hat sich einer aufgemacht zu seiner Lebensaufgabe. Und hat darin zu sich gefunden. „Selbstverwirklichung“, so Paul Hinder, „hieß für ihn, Pförtner zu sein für Menschen, die er sich nicht auswählen konnte: Sünder und seelisch Kranke, Anständige und Unanständige, sympathische und ekelhafte Typen, hungrige Arme und Landstreicher, wohlbestallte Prälaten und armselige Landpfarrer, kurz: Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten in allen denkbaren Lebenslagen.“

Da ist einer voll und ganz gefordert, muss immer auf dem Laufenden sein. Wenn uns das bekannt vorkommt, dann könnten wir den Bogen wieder in unsere Gegenwart schlagen:

  • Gibt es in meiner Biografie eine Lebensaufgabe? Oder mehrere? Wie benenne ich sie, was ist mir wichtig daran?
  • Was verstehe ich unter Selbst-Verwirklichung?

Unverdrossen geht dieser Klosterbruder seine vielen Wege und tut seine vielen Dinge. Unverdrossen hebt er die Suppenschüssel auf, die ihm ein Bettler vor die Füße wirft, holt eine neue Suppe und sagt: „Hat‘s dir nicht g‘schmeckt.“ Das ist Größe. Bischof Hinder findet, bei seinem Mitbruder hätten wir es „mit einer Pastoral der Gastfreundschaft zu tun, die ohne jede Aufdringlichkeit Menschen tiefer zu bewegen und zu bekehren vermag als jedes Wort. Konrad hat Menschen nicht eingeteilt in Gute und Böse, in Fremde und Volksgenossen. Er hat die Menschen ganz einfach so an sich heran- und hereingelassen, wie sie sind.“
Da hat sich einer aufgemacht zu den Menschen. Geöffnet für die Menschen. Und kann uns mit seinem Vorbild auch heutzutage herausfordern:

  • Welche Muster, welche Grundhaltungen habe ich mitbekommen für den Umgang mit anderen Menschen, insbesondere mit „schwierigen“?
  • Wie wirkt sich meine Spiritualität in alltäglichen Begegnungen mit Menschen aus?

Unverdrossen seinen Weg zu gehen, muss nicht heißen, ihn zu beschönigen oder zu verklären. Der Umgang mit den vielen Leuten, die unzähligen Geschäfte des Klosteralltags fordern Tribut. Immer wieder hat Bruder Konrad gesundheitliche Probleme. Ein Mitbruder nimmt ihn einmal beiseite und meint: „Gell, du hast aber einen harten Dienst an der Pforte?“ Konrad widerspricht nicht und sagt nur: „In Gott‘s Nam‘. Es ist schon ein Kreuz. Aber ohne Kreuz geht‘s nicht.“

Dieser Mann schwebt nicht in mystischen Sphären, wenn er „theologisch“ wird. Wenn er vom Kreuz spricht, bleibt er bodenständig, ganz nah dran am praktischen Leben. Berühmt sind seine diesbezüglichen Zeilen an eine geistliche Brieffreundin. Im Original (und seine Privat-Orthografie macht ihn uns nur sympathischer) lauten sie: „Die mittel ich gebrauche mich in der Demuth und Sanftmuth zu üben ist kein anders als das Kreutz. Dießes ist mein Buch. nur ein Blick auf ein Kreutz lehrt mich in jeder Gelegenheit wie ich mich zu verhalten habe…“

„Ohne Kreuz geht´s nicht.“ Unsereins könnte sich an dieser Stelle überlegen:

  • Kreuz-Erfahrungen in meiner Biografie: Welche fallen mir ein?
  • Was habe ich daraus gelernt?
  • Und: Wie konnte und kann ich Menschen, die ein Kreuz zu tragen haben, beistehen?

Zu guter Letzt: Was bleibt so wertvoll, so zeitlos an dieser Biografie? Vielleicht lässt sie sich zusammenfassen in dem einen großen Zeichen: Bruder Konrad behält sein Leben lang das Kreuz im Blick. In einem zweifachen Sinn. Er ist ein großer Beter vor dem Herrn. Und er weiß, wie er sich denen gegenüber zu verhalten hat, die Not leiden. Da kennt er keine Grenzen.  Da nimmt er auch mal in Kauf, dass er wegen seiner Freigebigkeit gerüffelt wird, und gibt seinem Ordensoberen freimütig zu bedenken: „Das kommt alles wieder herein, was man den Armen gibt!“
Das ist Größe. Das ist tiefste „diakonische Spiritualität“. Den Begriff kannte Bruder Konrad vermutlich nicht. Brauchte er auch nicht. Er hat sie schlicht und ergreifend vorgelebt. Konrad Haberger

Mit beiden Beinen mitten im Leben stehend. Die Arme geöffnet für den Mitmenschen, und damit den Gekreuzigten abbildend. So sieht der Wegscheider Künstler Michael Lauss den heiligen Pförtner von Altötting. Die lebensgroße Figur entstand für die Sonderausstellung „Geöffnet sein“, die seit Ostern bis Ende Oktober im Papstgeburtshaus in Marktl am Inn zu sehen ist. Infos: www.papsthaus.eu              

 


Konrad Haberger

Referent für Gemeindecaritas im Bistum Passau

Foto: privat