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Radikal


Datum: 
04.05.2018

Ein Beitrag in „Christ in der Gegenwart“ 17/2018 von Andrea Pichlmeier zu Paulus, dem großen Missionar und Denker der frühen Kirche.

 

 

Radikal

In seinem Buch „Wie man Fanatiker kuriert“ erzählt der israelische Schriftsteller Amos Oz eine Geschichte aus Jerusalem, jener Stadt, in der man nicht nur viel Religion, sondern auch viel Fanatismus begegnet. Ein religiöser Mensch sitzt in einem Straßencafé, und ein alter Mann gesellt sich zu ihm. Es entspinnt sich ein Gespräch, und dabei stellt sich unabweisbar heraus, daß der Alte Gott höchstpersönlich ist. Sein Gesprächspartner ergreift die Chance und stellt die alles entscheidende Frage: Wer hat den wahren Glauben? Die Katholiken oder die Protestanten? Die Juden? Oder gar die Muslime… Um dir die Wahrheit zu sagen, antwortet Gott, ich bin nicht religiös. Ich war es nie, und Religion interessiert mich auch nicht.

Paulus, der große Missionar und Denker der frühen Kirche, interessierte sich sehr für die Religion. Manchen gilt er als der eigentliche Gründer des Christentums, andere wiederum bezweifeln, daß Paulus dieselbe Religion vertreten hat wie Jesus. Der Theologe Alfred Loisy, führender Vertreter des sogenannten Modernismus in Frankreich, schrieb im Jahr 1914, der Jesus, zu dem sich Paulus bekehrt habe, sei nicht der Verkünder des Reiches Gottes, als den wir ihn aus den Evangelien kennen. Tatsächlich könnte der Unterschied zwischen den beiden größer nicht sein. Jesus war Bauhandwerker von Beruf, er suchte die Nähe der Menschen und galt als Freund der Sünder. Sein Radius beschränkte sich auf das ländliche Galiläa, von wenigen Besuchen in Jerusalem abgesehen. Paulus, ein Intellektueller der jüdischen Diaspora, stammte aus dem urbanen Milieu der Hafenstadt Tarsus. Er engagierte sich in der pharisäischen Bewegung und fand Zugang zu den religiösen Eliten des Judentums seiner Zeit. Auf dem Hintergrund seiner starken Verwurzelung im jüdischen Gesetz lehnte er den christlichen Glauben an einen gekreuzigten Messias entschieden ab. Und er beließ es nicht beim Widerspruch, er verfolgte auch den Glauben an Jesus den Gekreuzigten, und jene, die sich zu ihm bekannten. Paulus geht in seinen Briefen nicht näher auf dieses Kapitel seines Lebens ein, er schreibt nur, er sei dabei „voll Eifer“ gewesen (Phil 3,6), „maßlos“ habe er die Kirche verfolgt und sie zu vernichten gesucht (Gal 1,13). Die Apostelgeschichte weiß dazu mehr zu berichten: Paulus habe Männer und Frauen gefesselt, ins Gefängnis werfen und auspeitschen lassen (Apg 22,4.19). Er habe sogar für die Todesstrafe votiert und die Christen noch über die Landesgrenzen hinaus verfolgt (Apg 26,10-11). Ob er dies tatsächlich im Auftrag der Hohenpriester getan hat, ist umstritten, fest steht aber, daß die Christen sich vor ihm fürchteten, auch dann noch, als er sich bereits selbst zu Christus bekennt und sich den Jüngern und Jüngerinnen in Jerusalem anschließen will. Die können nicht glauben, daß auch er ein Jünger sein soll (vgl. Apg 9,26), und das mag nicht verwundern, hatten sie es doch mit einem ausgewiesenen Fanatiker zu tun, dessen innere Wandlung beispiellos und alles andere als nachvollziehbar war.

Paulus spricht von einer Berufung (Gal 1,15), die Apostelgeschichte schildert eine Bekehrung (9,1-19). Auf jeden Fall hat ein Bruch im Leben dieses frommen und gelehrten Juden stattgefunden, der nach Auskunft aller Quellen vom Urheber des Ärgernisses selbst, von Jesus dem Auferstandenen ausgelöst worden war. Auf dem Weg nach Damaskus wird Paulus eine Christusvision zuteil, die sein religiöses Lehrgebäude zum Einsturz bringt. Damaskus, so der Schweizer Exeget Daniel Marguerat, sei das Offenbarwerden eines Versagens. Aber nicht Paulus hat versagt, sondern die Religion. Im Philipperbrief betont Paulus, wie untadelig er nach dem jüdischen Gesetz gelebt habe (Phil 3,6). Doch dieses Gesetz hatte nicht verhindern können, daß man den Messias ans Kreuz schlug. Paulus schreibt dies nicht den Juden zu, sondern erkennt darin die Gefahr einer jeden Religion. Juden wie Griechen mühten sich vergeblich, denn weder jüdische Torafrömmigkeit noch griechische Weisheit reichten hin, Gott zu erfassen. Paulus hat eine Erfahrung gemacht, mit der er nicht gerechnet hatte: Gott hat ihn ergriffen, so grundstürzend, daß die Religion des frommen Eiferers zerbrach. Ein bißchen fanatisch, kompromißlos zumindest, ist Paulus gewiß auch als Verkünder des Evangeliums noch geblieben, denn der radikale Einsatz für die Sache war ja gerade seine Stärke und zeichnete seine Persönlichkeit aus. Aber was ihm bisher die Religion gewesen war, hatte nun einen Namen: Jesus Christus.

Gott weiß: Fanatiker kuriert man nicht mit Religion, sondern durch Begegnung. Bei den meisten Menschen wird das weniger spektakulär verlaufen als bei Paulus und ist dann auch weniger beängstigend für die ahnungslose Umgebung. Rechnen sollte man trotzdem damit.

 

 

 

Dr. Andrea Pichlmeier

Leitung Referat Bibelpastoral der Diözese Passau