Menu

Schreiben in der Diktatur


Schreiben in der Diktatur -
Das Bistumsblatt 1936 - 1941

 
zur Website des Bistumsblatts online
 

Am 1. Juli 1936 erschien die erste Nummer des "Passauer Bistumsblattes". In vielen Diözesen Deutschlands gab es bereits vergleichbare kirchliche Wochenzeitschriften. Nachdem die Nationalsozialisten nach 1933 die Kirchen immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückgedrängt hatten, stellten diese Zeitschriften, geschützt durch das Reichskonkordat, eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten dar, über die Kanzel hinaus das Kirchenvolk mit eigenen Botschaften zu erreichen. Mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren zu Beginn und einer Steigerung bis zu 28.000 Stück im Jahr 1937 schufen sich Bischof Simon Konrad Landersdorfer und das Ordinariat in Passau eine vergleichsweise breite Basis, um trotz schwieriger politischer Bedingungen mit dem Kirchenvolk in Kontakt zu treten.

Die Zeitschrift entstand von Beginn an unter dem nationalsozialistischen Zensurdruck, der Jahr für Jahr größer wurde. Die Redakteure waren daher von Anfang an gezwungen, thematisch wie sprachlich nach Wegen zu suchen, um auf der einen Seite die Genehmigung für die Publikation nicht zu gefährden und auf der anderen Seite trotzdem kirchliche und damit doch durchweg Botschaften zu vermitteln, die nicht konform gingen mit der nationalsozialistischen Ideologie. Die Redakteure fanden dafür nicht selten bemerkenswerte Wege - dem kurzen, staatlich erwarteten Artikel zum Geburtstag Adolf Hitlers 1937 beispielsweise steht in derselben Ausgabe nicht von ungefähr der groß aufgemachte Beitrag zum Heiligen Bruder Konrad gegenüber, der in seiner Persönlichkeit und mit seinem Lebensentwurf geradezu einen Gegenentwurf zum nationalsozialistischen Menschenbild darstellte (Passauer Bistumsblatt, Nr. 16, 18.04.1937).

Der Sprachduktus des Bistumsblattes stellt den heutigen Leser vor große Herausforderung; dies gilt allerdings für alle Druckwerke der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den vergangenen etwa 50 Jahren haben sich Sprache, Begrifflichkeiten und Bedeutungen verändert; viele Ausdrucke, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ganz selbstverständlich und unhinterfragt gebraucht wurden, wirken heute veraltet oder sind negativ konnotiert. Das Bistumsblatt gebrauchte aber den gängigen Sprachduktus der 1930er und 1940er Jahre.

Das "Passauer Bistumsblatt" mit seinen Umfang von meist vier Seiten diente sowohl der Meinungsbildung, wobei es hier vor allem um die Vertretung katholischer Sichtweisen ging, als auch der Informationsvermittlung. Mit den Abteilungen "Katholisches Bistumsleben", "Junge Kirche", "Weltkirche", "Aus der Bischofsstadt" etc. warb das Bistumsblatt beispielsweise um die Teilnahme junger Erwachsener an Exerzitien, bevor sie in den Reichsarbeitsdienst eingezogen wurden, berichtete über Erstkommunionen, Firmungen und Priesterweihen, informierte über Wallfahrten und diözesane Veranstaltungen. Kernpunkte des Bistumsblattes aber stellten in jeder Ausgabe der große Beitrag auf der Titelseite, das Sonntagsevangelium und seine Auslegung und die Unterweisung in den Grundfragen katholischen Glaubens dar. Eine direkte politische Stellungnahe vermied das Bistumsblatt aus Gründen der Zensur, allerdings musste es seit 1938 sogenannte "Auflageartikel" einrücken - die Berichterstattung zum Anschluss Österreichs und zu den Münchener Verträgen sind hier als erste Beispiele zu nennen.

Das "Passauer Bistumsblatt" ist ein Zeugnis seiner Zeit. Es dokumentiert den Versuch der Kirche, unter den Bedingungen von Dikatatur christliches Leben zu wahren und christliche Kernbotschaften einem unmenschlichen System entgegenzustellen. Aber die Redakteure waren selbstverständlich auch Kinder ihrer Zeit: der Wunsch nach "nationaler Größe", das Trauma und die fehlende Verarbeitung des Ersten Weltkriegs und vor allem auch die fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg 1914-1918, die nationale Euphorie seit den schnellen Erfolgen und Siegen der Wehrmacht in der Anfangszeit des Zweiten Weltkriegs etc. prägen den Tonfall auch des Bistumsblattes. Bemerkenswert ist, dass das Bistumsblatt die Unbedingtheit des Alten Testaments für das Christentum dezidiert und mit scharfen Worten einfordert, und damit indirekt auch gegen die Diffamierung und steigende Ausgrenzung jüdischer Menschen Stellung bezieht. Eine Verteidigung jüdischen Lebens in Deutschland sucht man freilich vergebens.

Das Bistum Passau stellt in Zusammenarbeit mit der Universität Passau dieses journalistisch außergewöhnliche Zeitdokument online. Damit bekennt sich die Kirche von Passau zu ihrer hohen Verantwortung gegenüber der Geschichte. Sie will damit am Beispiel des Bistumsblattes zeigen, vor welchen Herausforderungen die Kirche von Passau in der Zeit des Nationalsozialismus gestanden hat, an welchen Punkten sie ihrem Auftrag zu wenig gerecht geworden ist, aber auch, wo sie mutig alles versuchte, um in widrigen Umständen die christliche Botschaft und daraus sich ergebende Lebensmaximen wach zu erhalten.

 


Projektumsetzung:
Sebastian Gassner (Universität Passau)
Anna Fruth (Archiv des Bistums Passau)

 

www.bistumsblatt.bistum-passau.de

 

↑ zum Seitenanfang

← zurück