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Ignatius von Loyola - der geistliche Vater der GCL


    


Der Lebensweg des hl. Ignatius von Loyola   
    
                             

Einleitung

Es war immer schon die Sehnsucht der Menschen, ein authentisches Leben zu führen. Diese Sehnsucht ist um so stärker, je mehr sie sich fremden Kräften ausgeliefert fühlen: Mode, Geschmack, Beurteilungen, Bedürfnissen. Immerfort begleitet sie die Sehnsucht nach einer Antwort auf die Fragen: Woher komme ich, wo stehe ich, was will ich für mein Leben? Unsere gesellschaftliche Welt hält wie in einem Großkaufhaus viele lockende Erlebnisse, weltanschauliche Angebote, Lebensversuche und –versuchungen bereit. So machen sich oft junge Menschen auf, vieles auszuprobieren um resigniert festzustellen: Ich habe vieles gesehen und nichts gefunden. In diesem Lebensbild gehen wir den Weg eines Menschen nach, der im Vertrauen auf Gott seine Berufung suchte.
 
Träume

Am Beginn des 16. Jahrhunderts finden wir den baskischen Edelmann Iñigo de Loyola, der ein intensives und bewegtes Leben führte und den nach einer schweren Verwundung auf dem Krankenlager ähnliche Gefühle beschlichen haben mögen: er hat vieles ausprobiert, nichts gefunden, was ihn befriedigt hätte. Er träumte von großen Abenteuern, von der Liebe zu einer hochstehenden Frau, von Kämpfen und Siegen und von großem Ruhm. Die Träume wiederholten sich und der Mittelpunkt blieb immer der Träumende selbst. Um neue Anregungen zu erhalten, verlangte er nach Büchern. Doch seine fromme Schwägerin auf Schloß Loyola hatte nur zwei: eine große Sammlung von Heiligenlegenden und die Beschreibung des Lebens Jesu des Kartäusers Ludolf von Sachsen. So griff er zu ihnen und las Heiligenlegenden. Da geschah es, daß die Lektüre des Lebens der Heiligen – des heiligen Franziskus von Assisi und des hl. Dominikus, des großen Ignatius der Urkirche – bei ihm eine neue, tiefer liegende Sehnsucht weckte. Er entdeckte, daß diese Geschichten etwas mit seinem Suchen zu tun hatten. Sie veränderten seine Träume. Er spürte, daß bei diesen Gestalten das ferne Echo einer Antwort auf seine Frage leise aufklang: Was sollte ich für Gott tun? Er begann die Worte Jesu und der Heiligen abzuschreiben, die Geschichten nachzuträumen und mit seinem Leben zu verbinden. Lange hing er diesen Träumen nach.

Da machte er eine Entdeckung. Wenn er wieder jenen anderen Träumen von Leidenschaften, von Kämpfen und Siegen nachhing, blieb er unbefriedigt. Er verspürte, daß er immer nur sich selbst bespiegelte. Wenn er sich aber den Gedanken über die Nachfolge Jesu hingab, so schien ihm, er würde in ein Land von Ruhe und Trost eintreten. Er wurde innerlich frei, zufrieden und weit. Diesem Unterschied, den er in seinen Gefühlen feststellte, schenkte er größere Aufmerksamkeit. Er überließ sich dieser Freude und dem daraus fließenden Trost. So formte sich die Frage, was er – nun nicht mehr in den Wachträumen, sondern in seinem Leben – für Christus tun sollte. Eine Idee begann Gestalt anzunehmen: Jesus nachzufolgen. Eine Erfahrung begann wirksam zu werden: die Unterscheidung der Geister.
 
Aufbruch in die Armut

Zuerst wollte er bettelnd und in harter Armut die Welt durchwandern, um Buße zu tun und um Gott zu gefallen. Er war offensichtlich schon zu dieser Zeit vom Gespür geleitet, daß jeder Weg der Nachfolge und der Erneuerung des Lebens mit der Armut beginnt. Es kam ihm auch die Idee, Kartäuser zu werden. Der Kartäuserorden war der strengste Orden der Kirche. Er dachte eine Weile nach und entschied sich schließlich für eine Pilgerfahrt nach Jerusalem. So brach er von Loyola Ende Februar des Jahres 1522 in Begleitung seines Bruders auf und zog zum Marienwallfahrtsort Aranzazú. Dort hielten sie eine Nachtwache, bei der der junge Pilger Iñigo seinen neuen Weg unter den Schutz der Gottesmutter stellte. Am nächsten Tag zog er weiter, während sein Bruder wieder nach Loyola zurückkehrte. Dann führte ihn sein Weg an die Landesgrenze hin zu Navarrete. Dort entließ er die beiden Diener, die sein Bruder ihm als Begleiter mitgegeben hatte und zog allein weiter. Auf dem Weg kaufte er eine Kürbisflasche, einen Wanderstock und ein Sackgewand: die Ausrüstung eines armen Pilgers. So gelangte er an den Montserrat. Im berühmten Kloster verbrachte er einige geistliche Tage und erzählte einem Benediktinermönch des Klosters in einer langen Beichte sein ganzes Leben. Wieder hielt er eine Nachtwache vor dem Gnadenbild vom Montserrat und legte dabei seinen Degen, das Zeichen des Ritters, Maria zu Füßen. Vor der Abreise am nächsten Tag überließ er seinen Esel dem Kloster und bei seinem Aufbruch am frühen Morgen schenkte er seine schönen Kleider einem Bettler und zog sein Pilgergewand an. Iñigo hat sich ganz arm gemacht. Alles was ihn und andere an seine Vergangenheit erinnerte, hatte er hinter sich gelassen.
 

Manresa: Schule Gottes

Inigo wollte sich auf dem Marsch nach Barcelona in Manresa, einem Städtchen am Weg, ein wenig ausruhen. Manresa wurde für ihn zum Ort der Begegnung mit Gott und zur intensiven Erfahrung seiner verwandelnden Liebe. Manresa wurde für ihn zur Schule Gottes in der er ihn die abgründige Kraft des Bösen, aber auch die befreiende Kraft der Liebe erfahren ließ. In den neun Monaten in Manresa machte Iñigo jene Erfahrungen, die er im Exerzitienbüchlein festhielt, um sie auch für andere Menschen fruchtbar zu machen. Am Ende dieser reichen Periode steht ein verwandelter Iñigo, der wußte, worum er bat, wenn er um tiefe innere Erkenntnis des Herrn betete, um ihn immer mehr zu lieben und ihm mehr nachzufolgen. Diese Erfahrung machte ihn weit und offen für die je größere Ehre Gottes und für das Wohl der Menschen. Sie machte ihn auch sensibel für die Wirkung der Sünde. So brach er nach Jerusalem auf, aber auch zu einem Leben, das ihn Christus immer ähnlicher machen würde. Immer wieder stand er auf seinem Weg vor der Frage: Wo geht der Weg weiter und immer wieder begann er zu beten und nachzudenken, was Gott von ihm wollte. Dann entschied er. Gott aber segnete seinen Weg.
 
Jerusalem: Vertrauen auf Gott allein

Er zog über Barcelona nach Rom und weiter nach Venedig, wo er sich nach manchen Abenteuern nach Jerusalem einschiffte. Die ganze Reise stand für Iñigo unter einem einzigen Leitmotiv: der Einübung des Vertrauens auf Gott allein. Er machte die Erfahrung, daß Gott für ihn in allem sorgt. So gelangte Iñigo an sein Ziel, Jerusalem. In ihm reifte die Überzeugung, daß dies nun der Ort seines weiteren Lebens sein würde. Vielleicht dachte er im geheimen neben der unaufhörlichen Betrachtung des Lebens Jesu in Palästina, auch den "Seelen zu helfen". Das hätte für ihn gewiß bedeutet, die Moslems für Christus gewinnen zu wollen. Seinem Plan aber bereitete der Provinzial der Franziskaner ein jähes Ende. Er trug im Auftrag des Papstes die Verantwortung über die Christen im Heiligen Land und über die heiligen Stätten. Was sollte er mit diesem baskischen religiösen Romantiker anfangen? Er schickte ihn zurück. Die Erfahrung im Heiligen Land führt Iñigo vor ein neues Problem, über das er bei der Rückfahrt nachzudenken und zu entscheiden hatte.
 

Studium, um den Seelen zu helfen

Um Seelsorge betreiben zu können, mußte er auch die wissenschaftliche und rechtliche Kompetenz dafür erwerben. So begab er sich nach seiner Ankunft in Venedig auf einen langen und dornigen Weg der Ausbildung. Er begann sie in Barcelona, setzte sie in Alcalá, Salamanca und Paris fort und schloß sie in Venedig 1537 ab. In dieser Zeit versuchte er, Menschen für Christus zu gewinnen, indem er ihnen die Exerzitien gab und mit ihnen den kostbaren Schatz teilte, den ihm Gott in Manresa geschenkt hatte. Sie waren aber als Seelsorgsmethode neu und ungewohnt. Seine langen Gespräche mit anderen, besonders Frauen, und die Tatsache, daß diese alsbald ihr Leben radikal änderten, weckte den Argwohn der Inquisition. Die Inquisitoren prüften seine Ansichten und Aufzeichnungen, fanden sie aber dem Glauben entsprechend. Trotzdem verboten sie ihm vor Abschluß der Studien religiös tätig zu sein.
 

Gefährten: Freunde im Herrn

In der Zeit in Paris gelang es ihm, nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, den Freundeskreis zu sammeln, der ihm die Treue hielt und mit dem zusammen er die Gesellschaft Jesu gegründete: den Kreis der ersten Gefährten. Zu ihnen zählte Francisco de Javier (Franz Xaver), ein sportlicher Edelmann aus Navarra und Dozent an der Sorbonne. Er widersetzte sich lange den Bekehrungsversuchen und Einladungen des schon älteren Studienanfängers Iñigo. Von ihm hat Ignatius später gesagt, er sei der zäheste Teig gewesen, den ihm Gott je zum Kneten gegeben habe. Er wurde zum großen Apostel Asiens. Zum Kreis gehörte auch Peter Faber aus Villarte in Savoyen, der erste Priester unter ihnen. Dieser sensible, depressiv veranlagte Mann ist eng mit der Reform der Kirche Deutschlands verbunden. Er gewann Petrus Canisius für den jungen Orden. Erschöpft und verbraucht durch die unermüdlichen Reisen im Auftrag des Papstes und des Ordens starb er Anfang August 1546 in Rom, auf dem Weg zum Konzil von Trient. Zum Kreis stieß auch der intelligente Diego Laynez aus Almazán. Er stammte aus einer alten jüdischen Familie in Spanien. Laynez hatte Iñigo schon in Alcalá kennengelernt und war ihm nach Paris nachgezogen. Er wurde später Nachfolger des Ignatius als General der Gesellschaft Jesu. Mit Laynez kam der noch sehr junge Alonso Salmeron aus Toledo und schloß sich dem Kreis an. Salmeron war viel in den deutschen Landen unterwegs und betrieb die Reform der Kirche. Zum Kreis gehörte der fromme und eifrige Kastilier Nicolás Bobadilla, das enfant terrible der Gruppe. Ebenso stieß Alfons Rodriguez, ein frommer und sehr eigenwilliger Portugiese zu ihnen, der spätere Provinzial von Portugal.
 
Das Gelübde von Montmartre: In Armut das Evangelium verkünden

In ihnen wuchs die Sehnsucht, sich ganz Christus anzuschließen und ihm ähnlich zu werden. In geduldiger geistlicher Führung bereitete Iñigo die Gruppe für die Exerzitien vor und gab sie ihnen der Reihe nach. So wuchsen sie zusammen in einer tiefen geistlichen Freundschaft, geeint im Willen, für Christus aufzubrechen, um in seinem Weinberg tätig zu werden. Sie wollten sich senden lassen, um unterwegs die Botschaft des Herrn zu verkünden und in der Liebe zu Christus für die Menschen tätig zu sein. Das drückt Franz Xaver in einem herrlichen Wort aus: "Wollen wir unseren Beruf in diesem Leben recht erfüllen, so müssen wir Pilger sein, bereit, allezeit dorthin auf-zubrechen, wo wir Gott, unserem Herrn, den größeren Dienst darbringen können." Den ersten Ausdruck fand die Bereitschaft zum Aufbruch in einem Gelübde, das sie auf dem Mont Martre bei Paris am 15. August 1534 ablegten. Es beinhaltet, daß sie nach Beendigung ihrer Studien alles verschenken, von Paris aufbrechen, nach Jerusalem ziehen und dort auch tätig sein wollten. Falls sich aber dieser Plan innerhalb eines Jahres nicht durchführen lassen sollte, wollten sie sich dem Papst anbieten, um sich von ihm dorthin senden zu lassen, wo sie zur größeren Ehre Gottes und zum Dienst der Kirche wirken könnten.

Nach Beendigung der Studien – es war der Spätherbst des Jahres 1536 – zogen sie in einer abenteuerlichen Winterreise über Lothringen, die Schweiz nach Venedig, wo sie am 8. Jänner 1537 ankamen. Dort erwartete sie schon Iñigo, der nach dem Gelübde am Mont Martre 1534 in seine Heimat aufgebrochen war. Er war nach Venedig gekommen, schloß dort sein Theologiestudium ab und erwartete seine "amigos en el Señior", wie er sie zu nennen pflegte. Sogleich verteilten sie sich auf die Spitäler der Stadt Venedig, um den Kranken zu helfen.

Am Beginn der Fastenzeit zogen die Gefährten nach Rom, um die Erlaubnis und den Segen des Papstes für die Pilgerreise ins Heilige Land zu erbitten. Sie wurden am päpstlichen Hof mit äußerster Zuvorkommenheit aufgenommen und bekamen nicht nur den Segen und die Erlaubnis des Papstes zur Überfahrt nach Jerusalem, sondern auch die Erlaubnis, sich alle zu Priestern weihen zu lassen.

Nach der Weihe verteilten sie sich über einige der nahe um Venedig liegenden Städte, um bei einer sich bietenden Gelegenheit für eine Überfahrt zur Stelle zu sein. In der Zwischenzeit wollten sie in großer Zurückgezogenheit nochmals die Geistlichen Übungen machen. Sie lebten in verlassenen Häusern und ernährten sich von erbettelten Almosen. In bescheidenem Ausmaß begannen sie auch auf den Plätzen der Städte zu predigen, indem sie ihre Hüte hochwarfen und die Leute anlockten. In ihrem spanischen Italienisch sprachen sie zu den Menschen über Christus. Gegen Ende des Sommers versammelten sie sich bei Iñigo, Peter Faber und Laynez, die in einem halbverfallenen Klösterchen in Vivarolo bei Vicenza lebten. Sie wollten gemeinsam beraten, was sie weiter tun sollten. An eine Überfahrt war für dieses Jahr nicht mehr zu denken. So berieten sie drei wichtige Entscheidungspunkte: Erstens legten sie fest, wo sie sich während des Winter aufhalten und Seelsorgsarbeit leisten wollten. Sie verteilten sich in einer Linie zwischen Venedig und Rom. Ignatius (so nannte er sich in Rom), Laynez und Faber traf es, nach Rom zu ziehen. Zweitens berieten sie den Zeitpunkt, wann sie sich in Rom wieder versammeln wollten, um die nächsten Schritte festzulegen. Der dritte Beratungspunkt war der Name, den sich die Gemeinschaft geben wollte. Es war Ignatius und den Gefährten klar, daß sie sich den Namen dessen beilegen wollten, dem sie zu dienen begehrten: So nannten sie sich "Gesellschaft Jesu".
 

Ordensgründung: Von der compañia zur Compañia de Jesús

Nach den Beratungen gingen die Gefährten auseinander, in ihre Städte. Auf dem Weg nach Rom wurde Ignatius in der Kirche von La Storta, einem kleinen Ort vor der Ewigen Stadt, eine tiefe mystische Erfahrung geschenkt. Er sah im Gebet, wie Gott Vater dem Sohne zugewandt sagte: "Ich will, daß du diesen zu deinem Diener nimmst." Und Jesus wandte sich zu Ignatius mit den Worten: "Ich will, daß du uns dienst." Ignatius erzählte die Vision Faber und Laynez. Die Gefährten betrachteten sie als Gottes Bestätigung ihres bisherigen und zukünftigen Weges und ihres Namens. Diese Vision blieb für alles weitere Wirken des hl. Ignatius von richtungsweisender Wichtigkeit. Gott selbst, das sahen sie in dieser Vision, wollte diese Gemeinschaft. So zogen sie nach Rom. Dort nahmen sie die Arbeit auf. Ignatius gab verschiedenen Personen die Geistlichen Übungen, Peter Faber und Laynez hielten Vorlesungen an der Sapienza. Im Frühling des Jahres 1538 kamen alle Gefährten in Rom zusammen und im Herbst desselben Jahres, so scheint es, boten sie sich dem Papst für alle Sendungen an. Die Frist von einem Jahr, die sie sich für die Überfahrt nach Jerusalem gesetzten hatten, war längst verstrichen. Die Gefährten waren Papst Paul III. nicht mehr unbekannt. Er soll zu ihnen gesagt haben: "Rom ist euer Jerusalem!" Er machte von ihrem Angebot sogleich Gebrauch und erteilte ihnen verschiedene Aufträge, die sie auseinanderführten. So erhob sich die Frage: Will Gott, daß die Gemeinschaft, in die er sie zusammengeführt hat, sich jetzt wieder auflöst, oder will er durch sie der Kirche helfen? Die Gefährten begannen in der Fastenzeit 1539, da sie noch beisammen waren, eine ausführliche Beratung. Sie entschieden, daß sie als Gemeinschaft bestehen bleiben sollten. Sie sagten: "Wir wollen zu einem Leib werden und die einen sollen für die anderen Sorge tragen, daß keine noch so große Entfernung uns voneinander trennen kann."

Nun entstand das Problem, wie der Papstgehorsam möglich sei, wenn sie eine Gemeinschaft bleiben wollten? Sie entschieden, einen aus der Gemeinschaft zum Oberen zu wählen, der sich um die täglichen Angelegenheiten der Gemeinschaft kümmern und dem Papst in der Erteilung seiner Sendungen helfen sollte. Auch ihm sollten sie gehorsam sein. Sie entschieden auch, den Namen "Gesellschaft Jesu" beizubehalten und vom Papst bestätigen zu lassen. Alles aber stand unter der Bedingung, daß der Papst zustimmt. Die Beratungen wurden am 24. Juni 1539 abgeschlossen. Eine Gruppe um Ignatius setzte die Arbeit fort und unterbreitete Papst Paul III. Anfang September ein Grundsatzdokument in fünf Kapiteln, das er mündlich bestätigte. Auf die schriftliche Bestätigung mußten Ignatius und die Gefährten noch ein ganzes Jahr warten. Die päpstlichen Juristen hatten Schwierigkeiten mit dieser neuen Gemeinschaft, die ein Orden ohne Chorgebet, ohne Kloster und ohne eigene Ordenstracht wollte. Die Straßen der Welt, hin zu allen Menschen, sollten ihr Kloster sein. Mit Hilfe einflußreicher Persönlichkeiten und mit viel Gebet erfolgte endlich die Ausfertigung der päpstlichen Bestätigungsbulle "Regimini militantis ecclesiae" im September 1540, durch die die Gesellschaft Jesu kirchlich errichtet wurde. Ein Jahr nach der Bestätigung des Ordens wurde Ignatius zum ersten Ordensgeneral gewählt.

Der Pilger, der sich aufgemacht hatte, in einer armen Pilgertracht durch die Welt zu ziehen und "den Seelen zu helfen", saß nun fest in Rom, wo er von seinem kleinen Haus aus die schnell wachsende und sich auf allen Kontinenten ausbreitende junge Gesellschaft Jesu leitete. Dieses Haus und das alte Kirchlein daneben hatte der Papst der Gesellschaft Jesu übertragen. Es war der Gottesmutter vom Wege geweiht und trug den Namen "Santa Maria della strada". Vom engen Zimmer seines Hauses aus ging er mit seiner Sorge und seinem Gebet die Wege der Gefährten mit. Von hier aus schrieb er zahllose Briefe, durch die er die Gefährten informierte und durch die er ihnen Anweisungen für ihre Dienste gab. Hierher kamen die Briefe mit den Arbeitsberichten zurück und wurden sorgfältig von Ignatius und seinem Sekretär Polanco ausgewertet. Hier arbeitete Ignatius an den Satzungen für den Orden, die er 1550 in einer vorläufigen Fassung den zusammengerufenen Mitbrüdern vorlegte. Er hat sie wohl bewußt nie abgeschlossen, da er die Satzungen nicht als feststehendes und unveränderbares Gesetz verstand, sondern als Orientierungsbuch. Die Satzungen sind erwachsen aus dem mystischen Gebet und aus den reflektierten Erfahrungen, in systematischer Arbeit und in regelmäßigen Beratungen mit den Gefährten. Vielleicht liegt darin der Grund für ihre Kraft und Gültigkeit bis zum heutigen Tag. Erst in der 34. Generalkongregation 1995 hat sie der Orden einer in einigen wichtigen Teilen vor dem Hintergrund der großen geschichtlichen Veränderungen ergänzt.
 
Tod und Vermächtnis

Ignatius hat in seinen letzten Jahren viel an Krankheiten gelitten. Nachdem die Gesellschaft Jesu, die Exerzitien und die Konstitutionen vom Papst bestätigt worden waren, glaubten die Gefährten, daß Ignatius nicht mehr lange leben würde. So baten sie ihn, als Hilfe für sie selbst und für den Orden, den Weg seines Lebens zu erzählen. Er tat es mit großem Zögern. Der Bericht trägt den Titel: "Bericht des Pilgers". Er beginnt mit seiner Verwundung in Pamplona im Mai 1521 und endet mit der Ankunft in Rom. Ignatius zeigt auf, wie Gott ihn geführt hat. Dieses kleine Büchlein war lange Zeit vergessen. Heute ist es zu einem wichtigen Wegweiser für die Mitglieder der Gesellschaft Jesu und für viele junge Menschen geworden, sich selbst der Führung Gottes anzuvertrauen: ein wirkliches Vermächtnis an uns vom Pilger Ignatius, der in den frühen Morgenstunden des 31. Juli 1556 still zu Gott heimgegangen ist.

So stellt sich die Frage: Was kann ein Mensch des 20. Jahrhunderts, der nach authentischem Leben und Christsein sucht, von Ignatius von Loyola lernen?
 
Das glaubende Vertrauen auf Gott

Für Ignatius gab es keinen Augenblick, wo er an Gottes Liebe und Führung gezweifelt hätte. Das Vertrauen, aus dem heraus er lebte, gründete in der tiefen Erfahrung, daß Gott ihn will und liebt. Auch als Ordensgeneral hat er den Mitbrüdern für große Unternehmungen Mut gemacht, indem er ihnen sagte: Gott hat die Gesellschaft bis hierher getragen und durch sie gewirkt. Er wird uns weiter führen und uns vorangehen.
 
Die Unterscheidung

In allen entscheidenden Punkten lesen wir, daß Ignatius den Willen Gottes gesucht hat. Die Kompaßnadel auf dem Weg dieses Suchens war das betende innere Verspüren von Trost oder Trostlosigkeit, von einer tiefgläubigen Zustimmung und Freude oder von einem deutlich spürbaren Nein und einer warnenden Stimme angesichts von Plänen, Gedanken und Unternehmungen. Wenn er sah, daß eine Alternative in einer anstehenden Entscheidung Christus und der Kirche eher gemäß war als eine andere, daß sie der größeren Ehre Gottes und dem grö-ßeren Wohl des Menschen eher entsprach, entschied er sich für sie; dies auch dann, wenn großer Widerstand zu erwarten war. Er fürchtete sich nicht, gegen den Strom zu schwimmen. So gelangte er zur Quelle.
 
Das kreative Nein

In den Exerzitien zeigt Ignatius einen Entscheidungsweg. Er wußte zu gut, daß jede Entscheidung für einen Weg zugleich eine Entscheidung gegen andere auch gute Möglichkeiten ist. Dieses kreative Nein zu Möglichkeiten im Interesse der größeren Ehre Gottes und des besseren Dienstes am Menschen setzt Freiheit voraus und stärkt sie zugleich.
 
"En el Señor"

Ignatius hatte viele Freunde. Nicht alle sind bei ihm geblieben. In seinen Briefen finden wir oft die paulinische Wendung "im Herrn". Die gegenseitige Liebe der Gefährten hatte als Fundament Jesus Christus und als gemeinsames Ziel sein Reich. So waren sie geeint in diesem begnadenden Band der Liebe Gottes. Aber sie mußten deshalb nicht immer am selben Ort beisammen sein. "Im Herrn" wußten sie sich verbunden. Franz Xaver las die Briefe, die er im fernen Indien von Ignatius und den Gefährten erhielt, auf den Knien und trug die Namen aller Gefährten ausgeschnitten in einem Täschchen auf der Brust. Er meinte, man solle die Gesellschaft "Gesellschaft der Liebe" nennen, der gegenseitigen Liebe "im Herrn".

von Severin Leitner SJ