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Unser tägliches Brot segne du heute. Eine Meditation im Jahr der Eucharistie


Die Kreuzersemmel

Wenn ein Kirchenbesucher vor zweihundert Jahren durch das Portal der Burghauser Spitalkirche trat, mußte sein Blick eine kleine rote Marmortafel zu seiner Linken streifen. Vielleicht ist er einmal stehengeblieben, um das merkwürdige Relief zu betrachten und die dazugehörige Inschrift zu entziffern: "Angedengkn der Theuerung und Grese des Kreutzer Prods." Darüber die Darstellung einer Semmel und eines Spitzweckens. Möglicherweise steckte sie dem Kirchgänger selbst noch in den Gliedern, die Hungersnot der Jahre 1771 und 1772, zu deren Erinnerung man die Tafel am Eingang der Kirche befestigt hatte: als das Brot so knapp geworden war, daß man ihm ein Denkmal errichtete. Von da an mußte jeder, der in diese Kirche hineinging, an der Not vorbei, ob er sie bemerkte oder nicht.

Das alte Portal im Turm wird längst nicht mehr benutzt; wenige kennen die unscheinbare "Kreuzersemmel". Die Leute heute kommen durch eine andere Tür herein, dem früheren Eingang direkt gegenüber gelegen. Und sie bringen eine andere Not mit, der ursprünglichen ebenfalls ganz entgegengesetzt. Scheinbar jedenfalls.
 

Der verlorene Segen

Dem Brot ist der Segen abhanden gekommen. Am täglichen Brot mangelt es nicht, zumindest nicht in unserem Land. Aber wir haben das Vertrauen verloren in die Lebensmittel, die wir im Übermaß kaufen können. Die Menschen ängstigen sich vor dem, was sie zu sich nehmen. Und es scheint, als wollte sich die Wahrheit des alten Liedes auf eine bisher unerhörte Weise bestätigen: "Gott geb uns allen seiner Gnade Segen, / daß wir gehn auf seinen Wegen / in rechter Lieb und brüderlicher Treue, / daß die Speis uns nicht gereue." (GL 494,3) Gewiß dachte Martin Luther an das Brot der Eucharistie, als er diese Worte schrieb. Und die Christen, die dieses Lied in fünf Jahrhunderten gesungen haben, wußten wohl, daß zum Essen die Liebe gehört und die Brüderlichkeit, der geschwisterliche Umgang miteinander. Zum täglichen ebenso wie zum sonntäglichen Brot.
 

Das verdorbene Brot

"Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet?" (Mt 7,9-10), fragt Jesus die Menschen, die von ihm wissen wollen, wie sie leben sollen. Er geht davon aus, daß sie, die sie böse sind, wie es im Evangelium heißt, ihren Kindern doch nur Gutes geben. Wir müssen feststellen, daß das am Beginn des dritten Jahrtausends offenbar nicht mehr der Fall ist. Wer weiß, ob er nicht doch einen Stein erhält, wenn er nach Brot fragt, oder eine Schlange für einen Fisch. Im Bild gesprochen. Wer weiß, ob das Fleisch, das wir essen, am Ende nicht Krankheit und Tod über uns bringt? Viele denken bangen Herzens an das Unheil, das sie vielleicht schon in ihrem eigenen Leib tragen, und es gereut sie die Speise, die sie zu sich genommen und ihren Kindern gegeben haben. Es läßt sich nicht mehr viel Gutes sagen über unser tägliches Brot; bene-dicere hieße das, segnen. Sind wir nicht längst wie jene, "denen vor jeder Speise ekelte, die nahe waren den Pforten des Todes" (Ps 107,18), wie es in einem Psalm heißt?

Sicher ist, daß wir über die Speise in eine lange Notgeschichte eingetreten sind. Denn essen muß der Mensch. Vom ersten Moment seines Daseins an ist er auf Nahrung aus und muß nehmen, was die Welt ihm bietet. Auf Gedeih und Verderb liefert er sich aus und erfährt dabei, daß nichts unschuldig ist, was aus seiner eigenen Hand hervorgeht, nicht einmal die Nahrung, das tägliche Brot.

Von uns selbst können wir den Segen also nicht erwarten, und Menschen, die ihre Welt mit wachen und nüchternen Augen anschauen, haben dies auch nie getan. Sie haben die Not beim Namen genannt, im Psalm, im Evangelium, im Lied, auf einer Marmortafel. Sie konnten dies tun, weil sie wußten, daß damit nicht das letzte Wort gesprochen war. Viel Furchtbares läßt sich über die Welt sagen, aber verfluchen, male-dicere, muß man sie deswegen nicht. Denn es gibt noch eine andere, dritte Möglichkeit: daß wir unser Brot und unsere Not ins Gebet nehmen - wie jene, "die in ihrer Bedrängnis schrien zum Herrn, die er ihren Ängsten entriß, denen er sein Wort sandte, die er heilte und vom Verderben befreite" (Ps 107,19-20), wie der Psalm weiß.
 

Das gebrochene Brot

"Da hilft nur Beten", haben Leute in auswegloser Lage immer wieder gesagt. Das ist mehr als ein frommer Spruch; es ist ein mächtiges Wort. Weil der Vater im Himmel denen Gutes gibt, die ihn bitten. Der dies gesagt hat, Jesus, läßt sich beim Wort nehmen. Deswegen gehen Menschen in Burghausen und anderswo in ihre Kirchen hinein. Sie feiern Eucharistie und lassen sich das Brot brechen. Manchmal kann man es hören, wie der Riß durch dieses Brot läuft. Dann ist es, als würde die harte Schale der Welt aufbrechen und etwas Neues freigeben. Denn über diese Speise wird gesagt, daß sie nicht Unheil birgt, sondern Heilung und Heil. Daß sie die Sehnsucht stillt, daß man ihr trauen darf. Über dieses Brot wird gesagt, daß in ihm die ganze Liebe Gottes wohnt. In Jesus Christus ist sie den Menschen erschienen. Er hat sich der Welt auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er hat angenommen, was sie ihm zur Nahrung gab. Damit ist der Tod auch in seinen Leib eingezogen. Er hat die Welt und ihr Brot dennoch nicht verflucht. So ist er zum Segen geworden und zum letzten Wort, das über unser tägliches Brot gesagt werden kann: Segen ist ausgerufen - nicht über einer heilen Welt, sondern über den Brüchen und Rissen des Daseins. Über der Kreuzersemmel ebenso wie über der Speis‘, die uns gereut. Denn im gebrochenen Brot läßt Gottes Liebe sich finden. Davon leben wir. Amen.
 

Andrea Pichlmeier

publiziert in: Ehrenfried Schulz (Hg.), Von Gottes Segen leben. Predigten mit Hindergrund, Donauwörth 2001.