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„Ordensleben – Lernort der Hoffnung?“


Datum: 
04.10.2018

Hoffnung für uns selbst - Studientag der Arbeitsgemeinschaft der Orden im Bistum Passau (AGOP)

 

 

„Ordensleben – Lernort der Hoffnung?“
Hoffnung für uns selbst
Studientag der Arbeitsgemeinschaft der Orden im Bistum Passau (AGOP)

 

Zur Zeit kommen aus dem Bereich der Kirche Nachrichten, die entmutigend wirken. In dieser Situation setzte die Arbeitsgemeinschaft der Orden im Bistum Passau (AGOP) mit ihrem diesjährigen Studientag am 29. September im Kloster Neustift einen deutlichen Gegenakzent. Sie lenkte die Aufmerksamkeit auf die christliche Tugend der Hoffnung. Der Tag wurde von P. Dr. Cornelius Bohl ofm, dem derzeitigen Provinzialminister der Franziskaner in Deutschland, begleitet.
Am Vormittag sprach P. Cornelius zu dem Thema: „Ordensleben ‒ Lernort der Hoffnung für uns selbst?“ Das Wort vom „Lernort der Hoffnung“ entstammt der Enzyklika Benedikts XVI. „Spe salvi“. Nicht wenige Ordensgemeinschaften befinden sich gegenwärtig in einem Krisenmodus. Sie erleben sich als Randphänomen in einer Gesellschaft, in der Glaube und Kirche immer mehr an Bedeutung verlieren. Die abnehmende Zahl der Mitglieder zwingt zu Umstrukturierungen und führt dazu, dass die Gemeinschaften stark mit sich selbst beschäftigt sind. P. Cornelius verwies in diesem Zusammenhang auf eine Hoffnungserzählung aus der Apostelgeschichte (Apg 27). Auf seiner Fahrt nach Rom gerät das Schiff des Paulus in Seenot. In dieser hoffnungslosen Lage nimmt Paulus Brot, dankt Gott, bricht es und beginnt zu essen. „Da fassten alle Mut“ (Apg 27,36). Auf einem Schiff, das vom Untergang bedroht ist, feiert Paulus die Gegenwart des Herrn.
Christliche Hoffnung darf nicht verwechselt werden mit einem gewissen Zweckoptimismus: „Es werden schon wieder bessere Zeiten kommen.“ Auch früher habe es Niedergang und Auflösung gegeben, doch stets habe dann wieder eine Erneuerung eingesetzt. Demgegenüber warnte P. Cornelius vor zu oberflächlichen Vertröstungen. Die Propheten im Alten Bund arbeiteten stets darauf hin, dass das Volk Israel eine Krise, die über es verhängt worden war, in ihrem vollen Ausmaß als Läuterung annahm. Die echte christliche Hoffnung hat ihren Ursprung in der Zusage Gottes. Sie ist eine spes contra spem, eine Hoffnung, die wie einst Abraham „gegen alle Hoffnung“ sich allein im Wort Gottes fest macht (vgl. Röm 4,18). Das Symbol für eine solche Hoffnung ist das Kreuz, der Ort des Todes Christi und zugleich seiner Auferstehung.

Christliche Hoffnung besteht also nicht in der Erwartung, dass alles bald wieder ganz anders und besser ist. Sie gründet vielmehr in dem Wissen, dass die Zukunft, wie auch immer sie sich gestaltet, in der Hand Gottes liegt. Eben dadurch wird aber bereits heute vieles anders. Wir werden fähig, die Gegenwart in all ihrer Ambivalenz anzunehmen, weil auch in ihr Gott am Werk ist.
Solch eine befreiende Hoffnung fällt uns freilich nicht in den Schoß. Sie erfordert Bemühen und Einübung. Das klösterliche Leben auf der Grundlage der Evangelischen Räte bietet Lernorte dafür an. Die Gelübde verweisen uns auf Gott, der bei aller Nähe immer auch der ferne Gott bleibt. Treffend sagt Karl Rahner: „Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.“ Kraft dazu finden wir im Gebet. Zugleich ist aber auch das Gebet ein Lernort der Hoffnung. Denn nicht immer antwortet dem Ruf des Beters sogleich ein göttliches Echo. Hier gilt es, auch in eine scheinbare Leere hinein die Treue zu den übernommenen Gebetsformen zu wahren, auch wenn andere Felder des Einsatzes unmittelbarer wahrnehmbare Früchte versprechen. Als zweckfreies Tun gründet das Gebet in der Hoffnung auf eine von Gott geschenkte Frucht.
Das Ordensleben ist ein Leben in Gemeinschaft. Die heutige Welt ist durch eine große Mobilität der Menschen gekennzeichnet sowie durch die Instabilität vieler Beziehungen. Manche sprechen von einer „Krise der Heimatlosigkeit“. Als Gegenbewegung kann sich da leicht der Wunsch einstellen, sich in einen überschaubaren Kreis Gleichgesinnter zurückzuziehen. Doch Ordensgemeinschaften haben ein anderes Gepräge: Sehr verschiedene Charaktere sind da versammelt. Ihnen ist aufgegeben zu lernen, bei jedem Menschen „daheim“ zu sein, weil wir alle miteinander in Verschiedenheit in der Weite Gottes daheim sind.
Auch das Wirken der Ordensgemeinschaften in Kirche und Welt kann man mit P. Benedikt XVI. als „Hoffnung im Vollzug“ bezeichnen. „Zunächst in dem Sinn, dass wir dabei unsere kleineren oder größeren Hoffnungen voranzubringen versuchen: diese oder jene Aufgabe lösen, die für den weiteren Weg unseres Lebens wichtig ist; durch unseren Einsatz dazu beitragen, dass die Welt ein wenig heller und menschlicher wird und so auch sich Türen in die Zukunft hinein auftun. Aber der tägliche Einsatz für das Weitergehen des eigenen Lebens und für die Zukunft des Ganzen ermüdet oder schlägt in Fanatismus um, wenn uns nicht das Licht jener großen Hoffnung leuchtet, die auch durch Misserfolge im kleinen und durch das Scheitern geschichtlicher Abläufe nicht aufgehoben werden kann.“

 

 

Ein starkes Motiv für das Engagement der Ordensgemeinschaften ist die Betroffenheit durch die vielfältige Ungerechtigkeit in der Welt. Zu Recht schreibt P. Benedikt XVI.: „Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden.“ Zugleich zeigt sich hier ein enger Zusammenhang zwischen der Hoffnung und dem Tun, wie ihn auch der Philosoph Immanuel Kant in seinen berühmten Fragen zum Ausdruck bringt: „Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ Beides hängt eng miteinander zusammen. Erst die Hoffnung auf eine mögliche Veränderung entbindet Kräfte, die aus dem Wunsch Wirklichkeit werden lassen.
P. Cornelius fasste seinen ersten Vortrag in einem eindrucksvollen biblischen Bild zusammen: dem Kampf Jakobs am Jabbok (Gen 32). Bei seiner Rückkehr aus dem Land Aram gelangt Jakob an den Fluss Jabbok, der die Grenze bildet zu dem Land, in dem Jakob seinem Bruder Esau begegnen wird. Jakob hatte Esau um das Erstgeburtsrecht betrogen und wusste nicht, wie dieser sich nun zu ihm verhalten würde. Zunächst bringt Jakob seine beiden Frauen, seine Kinder und Mägde sowie seine Habe über den Fluss. P. Cornelius verglich das mit den vielfältigen Aktivitäten, die unsere Ordensgemeinschaften ausüben und die sie oft gut in der Hand haben. Jakob aber bleibt am Ende allein auf der anderen Seite des Flusses zurück. Da, wo es nicht mehr um etwas geht, das er tut, sondern um ihn selbst und seine eigene Zukunft, fällt ihm der Übergang schwer. Denn nun ist er in seiner ganzen Existenz gefragt. In der Tat tritt ihm ein Mann entgegen, mit dem er die ganze Nacht hindurch ringen muss. Dieser gibt ihm zwar am Ende den Weg frei, doch Jakobs Hüftgelenk ist ausgerenkt. Er hinkt von nun an, doch er ist gesegnet. Geistlich gedeutet kann man darin ein Bild dafür sehen, dass der Weg der Hoffnung, der Übergang in das Land der Zukunft, nicht ohne Ringen und nicht ohne Widerstände gelingen kann.

HOFFNUNG FÜR ANDERE

Wer für sich selbst Hoffnung gewonnen hat, der kann auch für andere zu einem Zeichen der Hoffnung werden. Dieser Thematik widmete sich P. Cornelius in seinem Vortrag am Nachmittag. Dabei ging er zunächst auf die drei Evangelischen Räte ein. Diese bedeuten zunächst eine Trennung von den anderen, da sie auf einen Lebensweg führen, der sich von dem der anderen Menschen unterscheidet. Doch das geschieht in der Absicht, zeichenhaft etwas wachzuhalten, was für alle von Bedeutung ist. Diese besondere Lebensform steht also im Dienst an der Kirche im Ganzen.
Was wird durch die Evangelischen Räte zeichenhaft deutlich? Sie sagen uns zunächst: Wer Hoffnung hat, sagt manchmal Nein. Das zeigt sich schon in der Taufe: Ihr erster Schritt besteht in der dreifachen Absage an das Böse. Erst dadurch wird der Weg frei für die dreifache Zusage an den dreieinigen Gott. Davon unterscheiden sich die Evangelischen Räte insofern, als das, worauf sie verzichten, nicht etwas Schlechtes, sondern etwas in sich Gutes und für das Leben Wertvolles ist. Der Ordenschrist begibt sich dadurch in einen Raum der Unsicherheit, in dem er nicht über sich selbst verfügen kann. Das Gelübde der Armut bedeutet den Verzicht darauf, sich selbst abzusichern. Im Gehorsam setzt er sich der Verfügung durch andere aus und akzeptiert, dass er nicht selbst der Urheber seines Lebens ist. Durch die Ehelosigkeit verzichtet er auf menschliche Partnerschaft und Nachkommen. Je auf ihre Weise halten diese Gelübde so die Sehnsucht wach nach dem, was uns übersteigt. Sie können so auch zu einem Hoffnungsort für andere werden. Sie laden dazu ein, Begrenzungen zu akzeptieren. Sie sagen uns, dass wir noch auf dem Weg sind und machen uns die Vorläufigkeit unseres Daseins bewusst. Zugleich öffnen sie für eine Dynamik, die dem Bleibenden und Endgültigen entgegengeht.
Als weiteres Motiv für ein Leben nach den Evangelischen Räten zeigt sich in der Geschichte der prophetische Protest. Beispielhaft dafür ist die Gestalt des hl. Franz von Assisi, der auf sein reiches Erbe als Kaufmannssohn verzichtete und die Armut als seine Braut erwählte. Der Mensch ist mehr als sein Besitz. Konkret sich am Beispiel Jesu orientieren und so neue Maßstäbe zur Geltung bringen: das war und ist immer wieder ein zentrales Anliegen, das die Ordensgemeinschaften bewegt. Durch das Evangelium sind neue Maßstäbe in die Welt gekommen. „Bei euch aber soll es nicht so sein“ hat Jesus seinen Jüngern aufgetragen (Lk 22,26). Deshalb fügen sich Christen nicht bruchlos in die Tendenzen ihrer Zeit ein. Sie machen nicht  einfach alles mit, sondern stellen sich, wenn es sein muss, quer.
Die Hoffnung macht fähig, zu manchem Nein zu sagen, sie lebt aber noch mehr davon, dass der Hoffende Ja sagt. Dieses Ja gilt zunächst der Wirklichkeit, wie sie ist. Denn Gott ist da in unserer Welt, sie ist der Raum Gottes. Das Ja gilt sodann der eigenen Berufung. Wiederum ist hier der hl. Franz ein herausragendes Beispiel. Das Nein gegenüber den Erwartungen seiner Eltern schuf den Raum für sein Ja gegenüber dem Anruf, den Christus vom Kreuz von San Damiano aus an ihn richtete: „Bau meine Kirche wieder auf.“ Der Verzicht auf eigenen Besitz kommt aus der vorausgehenden Entscheidung für den Reichtum Gottes, auf den der Ordenschrist setzt. Der Verzicht auf die Ehe ist eine Konsequenz aus seiner ausschließlichen Bindung an Christus. Mit diesen Entscheidungen erheben die Orden keinen Ausschließlichkeitsanspruch. Sie ermutigen vielmehr alle Christen, in den Bedingungen je ihres Lebens Gott zu finden.
Das Ja des Hoffenden gilt nicht zuletzt ihm selbst. Aus dem großen Ja Gottes zu ihm, das er erfährt, erwächst sein eigenes Ja. Dieses Ja ist ja nicht eigentlich selbstverständlich: Wir Menschen erfahren unsere eigenen Grenzen und reiben uns an ihnen; wir hätten uns selber in mancher Hinsicht gerne anders, als wir sind. Hier hilft die Hoffnung, dass auch mein Leben in Gottes Hand ist und er mich einen Weg führt. „Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden“, sagt der Apostel Johannes (1 Joh 3,2). Aber auch das Ja anderer Menschen zu mir ermutigt, zu mir selbst Ja zu sagen.
Das Ja, das wir in der großen Stunde der Taufe oder der Ordensgelübde sprechen, will durch viele kleine Jas im Alltag ausbuchstabiert werden. Es wird immer wieder auf die Probe gestellt, und so manches Mal versagen wir. Unsere Treue ist deshalb eine „verbeulte Treue“, eine „Petrus-Treue“. Sie lebt nicht zuletzt aus der Erinnerung an die Treue, die Gott uns erwiesen hat und immer wieder erweist. Das bedeutet nicht, dass immer alles gut war, wohl aber, dass Gott uns stets gehalten hat. Als Beispiel nannte P. Cornelius den Apostel Paulus, der auch in der Not des Seesturms zu einer Mahlzeit aufforderte: „Nach diesen Worten nahm er Brot, dankte Gott vor den Augen aller, brach es und begann zu essen“ (Apg 27,35). Auch in der Stunde der Not konnte Paulus Gott danken.

Das christliche Ja ist kein verbissenes Ja, sondern ein Ja, das aus dem großen Ja Gottes kommt. Wer aus diesem Ja lebt, kann es nach und nach auch selbst übernehmen. Er wächst hinein in jene „Zustimmung zur Welt“ und „Gutheißung der Welt“, die nach Josef Pieper im christlichen Fest Ausdruck findet. Von Augustinus stammt das Wort: „Die Seele nährt sich an dem, woran sie sich freut.“ Und der Apostel Petrus ermutigt uns, Zeugnis zu geben: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).

Hoffnung wecken in einer Stunde der Kirche und der Welt, in der oft eher Entmutigendes die Aufmerksamkeit auf sich zieht, war das Anliegen dieses Studientages. An die beiden Vorträge von Pater Cornelius schlossen sich jeweils Murmelgruppen an, in denen die teilnehmenden Ordensfrauen und Ordensmänner eigene Gedanken und Erfahrungen austauschten. Was auf diese Weise gehört und bedacht wurde, mündete in eine meditative Schlussandacht, in der P. Cornelius Bibelverse zum Thema Hoffnung vortrug. Sie fanden Antwort in dem Lied: „Meine Hoffnung und meine Freude / Meine Stärke, mein Licht / Christus meine Zuversicht. Auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht /Auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

 

>>> P. Dr. Augustinus Weber OSB, Niederaltaich/Tettenweis  -  Fotos: Sr. Magdalena Stöhr OSB / P. Dr. Augustinus Weber OSB