
Im Rahmen der diesjährigen Konferenz des Bistumsrates legte die Interventionsbeauftragte des Bistums Passau, Antonia Murr, einen vorläufigen Bericht über den im Jahr 2000 verstorbenen Missbrauchstäter Pater Norbert Weber vor. Das Bistum Passau und die deutsche Kapuzinerprovinz haben gemeinsam im November 2021 den Ordenspriester Pater Norbert Weber öffentlich als Missbrauchstäter benannt.
Demnach war Weber ein charismatischer Kirchenmusikdirektor, der von 1961 bis 2000 eine große Zahl an Ministrantinnen und Ministranten begleitete, sowie Schülerinnen und Schüler, und mit ihnen Chöre und Instrumentalgruppen im Bistum Passau aufbaute und betreute. Aktenkundig wurde er erstmals im Jahr 2010, als sich ein ehemaliger Ministrant beim damaligen Missbrauchsbeauftragten des Bistums meldete. Der Fall wurde seitens des Kapuzinerordens aufgearbeitet, das Opfer entschädigt und die Schuld des Täters uneingeschränkt anerkannt. „Als Kirchenmusikdirektor war Weber auf der einen Seite sehr beliebt, auf der anderen Seite hatte er diese äußerst dunkle Seite und brachte Leid und Zerstörung über ihm anvertraute Kinder und Jugendliche. Wir gingen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Jahr 2021 von einem Dunkelfeld aus, dessen Ausmaß wir nicht abschätzen konnten“, so Murr.
Nach zwei weiteren Beschuldigungen im Jahr 2019 und 2020 wurde vom unabhängigen Beraterstab des Bischofs das einhellige Votum ausgesprochen, sich mit dem Namen des Paters an die Öffentlichkeit zu wenden. Dem lag die Überzeugung des Bistums und des Kapuzinerordens zugrunde, dass es sich bei Pater Norbert um einen Missbrauchstäter handelt. Auf diese Weise wollte man Betroffenen die Möglichkeit geben, sich jederzeit melden zu können. Auch genoss Weber im Bistum Passau bis dato ein hohes Ansehen. Daher war zu befürchten, dass gerade dies eine Hürde für Betroffene sein könne, Pater Norbert des sexuellen Missbrauchs zu beschuldigen. „Da wir uns durchaus der Tatsache bewusst waren, dass nicht nur Betroffenheit ausgelöst werden wird, sondern in weiten Bereichen wohl auch Empörung und Unglauben, haben wir dieses Vorgehen auch mit den uns bereits namentlich bekannten Betroffenen abgesprochen“, so Antonia Murr. So habe die Veröffentlichung auch dazu beigetragen, dass Betroffene ein Stück weit mit der Vergangenheit abschließen konnten, wie Murr aus einer Zuschrift zitiert.
Das Ergebnis der seit November 2021 eingegangen Rückmeldungen
Bis April 2023 hat das Bistum Passau von 18 Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch Pater Norbert Weber erfahren. „Sieben Betroffene haben einen Antrag auf Anerkennungsleistungen gestellt, die das Bistum Passau bei der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen eingereicht hat. Von ihnen wurden fünf bereits behandelt. Bislang wurden insgesamt 39.000,00 Euro ausbezahlt“, erklärt Murr. „Zeitgleich mit der Veröffentlichung im Bistum Passau erfolgte auch im Bistum Würzburg ein Aufruf hinsichtlich des Einsatzes von Pater Norbert Weber im Zeitraum 1965 – 1968. Von dort wurde uns aktuell mitgeteilt, dass sich niemand im Bistum Würzburg dazu gemeldet habe.“
Beleuchtet wurden in dem Bericht zudem das perfide Vorgehen des Paters sowie die Tatsache, dass einigen der Betroffenen damals nicht geglaubt wurde, als sie sich an Vertrauenspersonen wandten. Die Veröffentlichung habe Betroffenen geholfen, sich zu melden. Wie Antonia Murr feststellt, ist davon auszugehen, dass es weitere Betroffene gibt, die es bis dato nicht wagten, sich zu melden. „Es gibt ein nicht greifbares Dunkelfeld“, so Murr. Manche Berichte machten auch deutlich, dass wohl eine Vielzahl von Menschen von der abartigen Neigung Pater Norberts im Mindesten geahnt, wenn nicht sogar davon gewusst haben mussten. Die Veröffentlichung des Klarnamens von Pater Norbert Weber sei demnach gerade im Hinblick auf die angestrebte ehrliche und schonungslose Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in unserem Bistum unumgänglich gewesen, wenngleich sich durchaus Bewunderer und Freunde von Pater Norbert Weber in hohem Maße erschüttert und verstört zeigten.
Umgang mit dem Andenken von Norbert Weber
Als weitere Folgen dieser Veröffentlichung hat es sich auch als notwendig erwiesen, die Betrachtung und den Umgang mit dem Nachlass und dem Gedenken an den Täter, Pater Norbert Weber, zu überprüfen. Hierzu wurde der örtliche Betroffenenbeirat befragt, der sich unter anderem gegen die Entfernung des Grabsteins von Norbert Weber ausgesprochen hat.
Die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker des Bistums Passau haben sich gemeinsam für eine Solidarität mit den Betroffenen ausgesprochen und verzichten darauf, Werke von Pater Norbert Weber zu spielen, wie auch Kirchenmusikdirektor Marius Schwemmer mehrfach öffentlich erklärte. Diese Entscheidung wird vom Bistumsrat einstimmig unterstützt.