
Die Christin Marie Antoinette und der Muslim Amadou Mocktar sind seit 33 Jahren glücklich verheiratet. Um den Bund der Ehe überhaupt miteinander schließen zu können bedurfte es jedoch viel Überzeugungsarbeit, denn ihre Eltern waren von der Beziehung am Anfang alles andere als begeistert.
Solche Liebesgeschichten wie von Marie und Amadou findet man gar nicht so selten in Senegal, einem Land in dem rund 90% Muslime und 7% Christen friedlich nebeneinander leben. Denn im Gegensatz zum Nachbarland Mauretanien, ist Senegal keine islamische Republik, sondern eine präsidentielle Demokratie, in welcher der Laizismus, das heißt dass die Trennung von Religion und Staat, fest in der Verfassung verankert ist. Ein Umstand der ganz auf das geistige Erbe der früheren französischen Kolonialmacht zurückzuführen ist.
Ein sehr wichtiges Erbe welches gepflegt und geschützt werden muss, wie missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber betont: „Ich glaube es gibt zwei Herausforderungen, die erste besteht darin jungen Leuten nach ihrer Ausbildung in diesem Land eine Lebensperspektive zu geben.“

Erläuterung:
Der sogenannte „La mort Sociale“ (Der soziale Tod) ist für junge Senegalesen ein großes psychisches Problem. Sie finden trotz ihrer Ausbildung oder ihres Studiums keine richtige Anstellung oder sonstige sinnvolle Beschäftigung und haben nicht nur das Gefühl ihre Eltern finanziell zu belasten, sondern darüber hinaus auch keine eigene Familie gründen und ernähren zu können. Dieses gesellschaftliche Dilemma führt so weit, dass die jungen Männer den langsamen und quälenden sozialen Tod mehr fürchten als die lebensgefährliche Überfahrt in defekten Booten in das verheißungsvolle Europa.
„Die zweite Herausforderung ist die, dass man wachsam sein muss, dass extreme Einflüsse religiöser Natur hier nicht Fuß fassen können.“ Gerade in den Nachbarländern Mauretanien, Mali und Niger greift der radikale Islam sehr stark um sich. Islamistische Anschläge wurden dort schon mehrfach verübt und zersetzen den ohnehin sehr schwachen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Senegal gilt daher zurecht als Musterbeispiel des interreligiösen Dialogs in der westafrikanischen Region, wie der deutsche Botschafter Stephan Röken hervorhebt. Und auch Dr. Ute Gierczynski-Bocandé von der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Hauptstadt Dakar unterstreicht die wertvolle Harmonie zwischen Muslimen und Christen und organisiert seit 11 Jahren ein großes jährliches Kolloquium zum Religionsdialog, damit dieser alltägliche Friede auch weiterhin gefestigt und gefördert wird. Trotz all den Anstrengungen schwebt jedoch auch über diesem Land in der Sahelzone eine latente Terrorgefahr, die in erster Linie durch Studenten die im Ausland studieren und mit einem fundamentalistischen Gedankengut zurückkehren, bedroht wird. Derzeit ist die Gesellschaft in Sengal gegenüber dieser terroristischen Bedrohung sehr sensibilisiert und wehrt sich gegen die Einflussnahme aus Saudi-Arabien oder anderen muslimisch geprägten Ländern, die den toleranten senegalesischen Islam verachten.
Straßenkinder in einer Koranschule in Saint-Louis
Ihnen entgeht ein toller Beitrag!
Ein großes Plus im alltäglichen Miteinander und ein Grund für das hohe Ansehen der Christen in Senegal, ist das soziale Engagement der Katholischen Kirche, sei es durch eine werteorientierte Schul- und Ausbildung, auch für Kinder aus armen Verhältnissen, oder in Form von Krankenhäusern und katholischen Banken wie der Caurie-Micro Finance. Die in 13 von 14 Regionen in Senegal präsent ist und 2019 rund 30 Millionen Euro an Mikrokrediten vergaben, davon etwa 95% an bedürftige Frauen.
Das Herzstück für das gute Miteinander ist und bleibt jedoch die frühkindliche Erziehung, ganz gleich ob in den Kindergärten oder Grundschulen, die zum Großteil, ganz dem Bevölkerungsanteil entsprechend, von viel mehr muslimischen Schülerinnen und Schülern als Christen besucht werden. Hier werden, so ein senegalesischer Geistlicher, die Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben gelegt, sodass niemand mit Hass auf den Nächsten blicke sondern mit Liebe und Verständnis. In genau diesem Sinne erzählte der Sohn eines Imam der selbst eine katholische Schule besucht hatte, auf der Beerdigung seines Vaters, zu der auch viele Christen kamen, von dem einen Gott, den beide Konfessionen verehren würden und von den katholischen Liedern aus seiner Schulzeit die er sehr vermisse. Er sei zwar Moslem geblieben, aber er singe diese Lieder nach wie vor in seinem Herzen.
Bischof Stefan Oster zeigte sich auf seiner Reise durch Senegal von den Lebensgeschichten der Menschen vor Ort tief berührt: „Ich bin sehr beeindruckt von diesem Land und den Menschen, denen unsere Delegation aus dem Bistum Passau bisher begegnet ist. Viele erzählen uns voll Freude und Begeisterung von dem guten Zusammenleben zwischen den einzelnen Volksgruppen und Religionen, vor allem von dem Dialog zwischen Muslimen und Christen.“
Bei den Eltern von Marie und Amadou siegte letztlich auch die Einsicht, dass die Liebe ihrer Kinder stärker ist als die unterschiedliche Religionszugehörigkeit. Nachdem Amadou seinen künftigen Schwiegereltern versprechen musste monogam mit ihrer Tochter zu leben (nicht wie im Islam erlaubt bis zu vier Frauen zu ehelichen) und seinen Eltern seine Treue zum Islam versicherte, stand der Heirat der beiden nichts mehr im Wege. Ihre eigenen drei Kinder erziehen sie ganz nach dem Wertekanon beider Religionen, diese dürfen sich später aussuchen welche Religion sie aktiv praktizieren wollen. Bis dahin werden die christlichen und muslimischen Hochfeste von Familie Faye gemeinsam gefeiert, zusammen mit den Verwandten und Menschen aus der Nachbarschaft. Jeden Abend wenn Marie und Amadou zu Bett gehen liegt die Bibel und der Koran dann so harmonisch auf den beiden Nachttischen nebeneinander, wie die beiden seit über dreißig Jahren glücklich in ihrem Ehebett.
Die missio-München-Delegation zusammen mit Vertreter aus dem Bistum Passau zu Besuch beim senegalischen Kardinal em. Théodore-Adrien Sarr
