
Jesus ist die Barmherzigkeit in Person. Das wird in seinem berühmten Satz zu den Anklägern bei der Verurteilung einer Ehebrecherin deutlich: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Er eröffnete ihr eine neue Perspektive mit den Worten „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.“ Die Predigt zum 5. Fastensonntag am 6. April 2025 von Pfarrer Michael Witti.
Meine Lieben, „Hast du das schon gehört?“ – „Hast du mitbekommen, was sie sich wieder geleistet hat?“ – „Weißt du schon, wobei sie ihn neulich gesehen haben?“ Wie gern wird doch so oder so ähnlich über andere hergezogen. Wie herrlich lässt sich vieles breittreten, das man – gern auch mal über Dritte – von anderen erfahren hat. Man kann sich ja auch ungeheuer wichtig vorkommen, wenn man großspurig mit dem Finger auf andere zeigt und sich das Maul über sie zerreißt. Dann wird auch allen anderen klar, dass man selber natürlich zu den Guten gehört. Ich erlebe dieses Verhalten immer wieder. Das gibt es am Arbeitsplatz ebenso, wie unter Nachbarn oder in der Familie. Auch unsere Pfarrgemeinden sind davor nicht gefeit – ich selber wohl auch nicht immer…
Es hat sich wohl nicht viel geändert seit den Zeiten der Pharisäer. Allerdings macht denen Jesus im Evangelium des 5. Fastensonntags einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Sie bringen eine Ehebrecherin. Auf frischer Tat wurde sie ertappt. Vom Mann, der ja zwangsläufig auch dabei gewesen sein muss, ist nichts zu sehen oder zu hören. Klar ist, was das Gesetz sagt: Sie muss weg! Sie hat den Tod verdient! Sie muss gesteinigt werden!
Ihnen entgeht ein toller Beitrag!
Und wenn Jesus an Gottes Gesetz glaubt, muss er da mitmachen, das war klar. Und Jesus tut – nichts… Gedankenversunken schweigt er und schreibt mit dem Finger in den Staub der Straße. Sie lassen nicht locker – und da sagt er den Satz, der mich auch heute noch ins Herz trifft: „Wer von Euch ohne Sünde sei, der werfe den ersten Stein…“ Und wieder schreibt er schweigend mit dem Finger in den Sand. Die Ankläger gehen, einer nach dem anderen… Übrig bleibt die Frau. Jesus sieht sie an, gibt ihr das Ansehen zurück, das sie in den Augen der anderen verspielt hatte. Er redet nicht klein was war, aber er eröffnet ihr eine neue Perspektive: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr…“
Das gibt mir zu denken, auch in vielen großen und kleinen Konflikten heute. In den Augen Jesu geht es nicht ums Rechthaben oder Recht bekommen, schon gar nicht um bloße „Rechthaberei“. Es geht ihm um die konkreten Menschen, um Barmherzigkeit, um Perspektiven für eine Gute Zukunft. Ich wage kaum zu träumen, was das bedeuten könnte für die Menschen in der Ukraine und in Russland, in Palästina und an so viele anderen Krisenherden, aber auch hier bei uns. Ich weiß, dass es so nicht immer lebbar ist, in einer Welt, die auch Recht und Gesetz braucht. Aber ich will ihn träumen, diesen Traum Jesu von der Barmherzigkeit.
Michael Witti
Pfarrer Pfarrverband Feichten