
Ist die Tür mit QUERIDA AMAZONIA nun offen oder zugeschlagen? Wer Papst Franziskus kennt, weiß, dass Türen bei ihm stets offenstehen, mehr aber noch sein Herz. Das belegt auch das vorliegende Apostolische Schreiben. Überlegungen von Msgr. Dr. Bernhard Kirchgessner, Leiter von SPECTRUM KIRCHE, dem Exerzitien- und Bildungshaus der Diözese Passau.
Zunächst benennt Papst Franziskus vier Visionen. Er träumt davon, Amazonien möge geschlossen für die Rechte der Ärmsten und Geringsten kämpfen (1), seinen kulturellen Reichtum bewahren (2), die überwältigende Schönheit seiner Natur hüten (3) und christliche Gemeinschaften hervorbringen, die der Kirche ein neues Gesicht mit amazonischen Zügen schenkt (4).
Die ersten drei Visionen dürften weltweit große Zustimmung finden. Hier verbindet der Papst, wie schon in seiner Enzyklika Laudato si, die Anliegen der Ökologie mit der Anthropologie. Wer sich für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt, muss sich unausweichlich auch für die Bewahrung des Menschen einsetzen – und umgekehrt.
Hören Sie hier ein Interview mit Dr. Bernhard Kirchgessner zum Thema:
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Die vierte Vision dürfte es hingegen schwerer haben. Mir fällt des Papstes Blick auf die Laien positiv auf. „Die Laien können das Wort verkünden“ (bedeutet „verkünden“ auch deuten, d.h. predigen?), „unterrichten“ (Katechesen erteilen), „ihre Gemeinschaften organisieren“ (94), „einige Sakramente feiern“ (taufen, Eheschließungen assistieren), „verschiedene Ausdrucksformen für die Volksfrömmigkeit entwickeln und die vielfältigen Gaben, die der Geist über sie ausgießt, entfalten.“ (89) Letzteres weitet den bestehenden Raum auf Neues hin, etwa auf Laien als Gemeindeleiter (94). Das alles kann Franziskus nicht nur im Hinblick auf Amazonien geschrieben haben!
Einen aufrichtigen Dank spricht der Papst den „starken und engagierten Frauen“ aus; nur mit ihrer Hilfe konnte die Kirche in Amazonien jahrzehntelang überleben! Sie tauften, hielten Katechesen, lehrten das Beten und wirkten missionarisch (99). Daraus zieht er eine bemerkenswerte Konsequenz: Die Frauen sollten „Zugang zu Aufgaben und auch zu kirchlichen Diensten haben, die nicht die heiligen Weihen erfordern“. Diese Dienste erfordern Dauerhaftigkeit, Öffentliche Anerkennung und eine Beauftragung durch den Bischof. Das garantiere ihnen sodann einen echten und effektiven Einfluss in kirchlichen Organisationen, Einbeziehung bei wichtigen Entscheidungen, die Leitung von Gemeinschaften (103, 94). Das kann Franziskus nicht nur im Hinblick auf Amazonien geschrieben haben!
Wenn der Papst fordert, die Kirche müsse häufiger und auch in abgelegenen Gebieten die Eucharistie feiern (89) und zur Begründung anführt, die Kirche sei wesentlich eucharistisch, dann stellt sich die ernste Frage, ob die rechtlich geregelten Zulassungsbedingen zum Dienst des Priesters diese dogmatische Grundeinsicht auf Dauer dominieren und domestizieren dürfen.
Muss der synodale Weg nach QUERIDA AMAZONIA abgebrochen werden? Mitnichten! In diesem Schreiben liegt des Papstes Aufforderung, ernsthaft über die europäischen Gesichtszüge der Kirche nachzudenken und dabei der Evangelisierung vor den Strukturen die Vorfahrt einzuräumen.
Text: Bernhard Kirchgessner
Hinweise:
QUERIDA AMAZONIA: Was steht tatsächlich im Schreiben von Papst Franziskus?
Vorstellung und Interpretation des Apostolischen Schreibens
Di, 03. März, 19 h, in Spectrum Kirche
Referent: Msgr. Dr. Bernhard Kirchgessner
Download und Infos:
Eine Datei der deutschsprachigen Fassung des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens Querida Amazonia ist unter www.vatican.va verfügbar. Mehr Informationen zur Bischofssynode sind auf der Themenseite „Amazonassynode 2019“ zu finden.