
Ehe-, Familien- und Lebensberater Rainer Weißl in den Ruhestand verabschiedet.
„Heute sitzen Sie mal auf meinem Stuhl“, sagt Rainer Weißl (66) lachend, als er in seinem früheren Büro der Ehe‑, Familien- und Lebensberatung (EFL) am Kapellplatz in Altötting Platz nimmt. Vor dem großen Bücherregal stehen drei rote Stühle in einer Dreiecksformation: Zwei mit etwas Abstand nebeneinander, der dritte gegenüber in der Mitte neben dem Fenster mit Blick zum Kapellplatz. Hier saß Weißl bei seinen Beratungsgesprächen mit Paaren und Einzelpersonen. Seit 1989, also 34 Jahre, war der gelernte Pastoralreferent dort tätig: Lange Zeit als Stellvertreter und das letzte halbe Jahr nach dem Ruhestand seines Vorgängers auch als Leiter. Ende März wird er die Schlüssel abgeben und seine hauptberufliche Tätigkeit beenden.
Weißl ist mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof in Tüßling aufgewachsen, er war das jüngste Kind. Eine prägende Zeit. „Zum Hof sind immer viele Gewerbetreibende gekommen, um etwa Eier abzuholen. Und meine Mutter hat sich beim Einpacken der Eier in Zeitungspapier – da gab es noch keine Eierkartons – mit denen in die Küche gesetzt und ihnen einfach zugehört. Das war natürlich viel Smalltalk, aber die Leute haben ihr währenddessen alles Mögliche erzählt und sind danach mit einem guten Gefühl heimgegangen. Ich glaube, dass ich das unbewusst schon damals mitbekommen habe und daher auch einen Beruf als ‚Zuhörer‘ wollte.“
Weißl besuchte ein Internat in Burghausen, da das Altöttinger Gymnasium noch nicht fertig gebaut war. „Weil mir das viele Lehrer empfohlen und die meisten meiner Freunde gemacht haben, entschied ich mich anschließend für das Studium der katholischen Theologie in Passau“, sagt Weißl.
Dieses war für ihn eine „schöne Zeit“ und er denkt besonders gerne an das Priesterseminar zurück: „Da haben wir auch psychologische Gesprächsführung gelernt, also das aktive Zuhören.“ Außerdem lernte er in Passau seine spätere Frau Ingrid kennen, sie heirateten 1982. Nach dem Jahrespraktikum in der Pfarrei Altötting kam er 1985 nach Neuötting und teilte sich – wie damals üblich – mit seiner Frau eine Stelle als Pastoralassistent.
Ihn habe dabei schon immer die Situation von Ehepaaren interessiert, so sehr, dass er, als er eine Ausschreibung dazu in der Zeitung sah, berufsbegleitend die Ausbildung zum Ehe‑, Familien- und Lebensberater machte. Zu seinen Aufgaben als Familienseelsorger zählten die Beratungstätigkeit einerseits und verschiedene Angebote der Familienpastoral andererseits. „Neben Bildungswochenenden und Vortragsabenden habe ich das Konzept der Ehevorbereitung neu überarbeitet“, erzählt der 65-Jährige.
Sein Fokus auf Ehepaare war damals im kirchlichen Bereich etwas Neues. Er rief oft auch mit seiner Frau verschiedene Veranstaltungen für Paare ins Leben, wie die „Valentinsabende“ und „Verwöhnwochenenden“. Als seinen größten Verdienst sieht er das von ihm entwickelte Elterntraining „FamShip“, das diözesanweit und in einer abgewandelten Form auch in Schulen mit kirchlicher Trägerschaft für Eltern und Lehrer angeboten wird.
„Das Training soll Eltern dabei helfen, mit schwierigen Situationen bei ihren Kindern, wie Wut und Traurigkeit, umgehen zu können“, sagt Weißl, der selber Vater von vier Kindern ist. Seine Begründung, warum ihm die Situation von Ehepaaren und Eltern so wichtig ist: „Sie haben eine enorme Aufgabe zu erfüllen: Geht es den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut – die Beziehung des Paares zueinander kann dabei eine große Kraftquelle sein.“ Bei einer guten Beratungsstunde werde Weißl zufolge „geweint und gelacht“.
Ein grundsätzlicher Tipp, den er Paaren geben kann, ist das Fünf-Minuten-Gespräch: „Man stellt einen Alarm auf diese kurze Zeit und so lange darf jeweils erst der eine, dann der andere Partner über sich und seine Wünsche sprechen. Man wird dabei auch nicht vom Gegenüber unterbrochen, daher hilft das besonders der Person, die in der Beziehung am wenigsten spricht“, weiß der Neuöttinger. Durch diesen kontrollierten Dialog könne man auch Unangenehmes besser aussprechen.
Der EFL-Berater ist sich sicher, dass hinter jeder harschen Kritik eine Bitte stecke: „Wenn man sich verletzt fühlt, ziehen sich die Menschen entweder zurück oder verletzen sich selber oder den Partner durch Vorwürfe“, sagt Weißl in seinem Büro sitzend und hebt einen großen Hammer aus Schaumstoff hoch. Er trägt einen Anzug, wirkt aber durch die bunte Krawatte und seinen freundlichen Blick damit nicht einschüchternd.
Er stellt dann oft ressourcenorientierte Fragen wie „Was schätzen Sie an Ihrem Partner?“. Der Neuöttinger legt nun den Hammer weg und nimmt stattdessen ein größeres, rotes Stoffherz in die Hand. Seine Arbeit erlebte er stets als „herausfordernd und bereichernd zugleich“: So gebe es zwar oft verfahrene Situationen, es sei aber immer schön, wenn jemand durch ihn wieder Stärke und Hoffnung finden könne. Sein Tipp, um trotzdem resilient zu bleiben: „Ich verurteile mich nicht für negative Gefühle, wenn mich ein Termin mal selber aufgewühlt hat. Ich versuche den Menschen aber immer einen liebevollen Gedanken zu wünschen“, sagt der Neuöttinger. Soweit es Gesundheit und Kräfte zulassen, will Weißl auch in seinem Ruhestand mit der KEB weiter einige Seminare und Kurse anbieten. „Und mit meiner Frau, den vier Kindern, fünf Enkeln und vielen Hobbys wird mir bestimmt nicht langweilig werden“, sagt Rainer Weißl und schmunzelt.
Text: Katharina Harbach