Mittwoch, 9. 6. 2021, Tag 11 von 76
Wie jeden Tag war ich schon früh am Treffpunkt Küche, Thermoboxen reinigen, Taschen waschen…. Wenn die Kolleg*innen kommen, ist schon alles fertig. Sie sagen dann immer: „Hey, you eraly bird – do you live here“? Wir verstehen uns so gut und haben trotz der vielen Arbeit und teilweise belastenden Erlebnisse immer wieder Spaß.
Heut verlassen uns Doro, Fayad und Luna. Sie fahren nach Chios, um dort zu evaluieren, wie Doros Organisation dort was aufbauen kann – ähnlich wie hier auf Lesbos. Ich werde dann im Juli einige Tage dort hinfahren um mir Eindrücke zu verschaffen und evtl. Doro zu unterstützen.
Ich bin heute mit Kris in der Küche. Eigentlich sollte Asha dabei sein. Sie hatte jedoch gestern nach dem Erlebnis auf der Deponie schon gesagt, dass sie heut evtl. eine Auszeit nimmt. Es ging ihr gar nicht gut. Ich kann das gut nachvollziehen – so was muss man auch erst mal verarbeiten.
Heut gab‘s Linseneintopf mit Salat und Kartoffelbrei mit etwas Gemüse für die Kranken im Camp. Alles lief ganz normal – Essen war pünktlich fertig, sogar etwas früher als sonst. War ja auch Eintopf – das geht schneller als andere Gerichte und es ist gut mal nicht unter Zeitdruck zu stehen.
Panayotis hat heut für mich die Außentour übernommen. Ich bin mittags mit Doro zum Haus gefahren, das sie angemietet hat. Hier werde ich ab morgen wohnen, nachdem sie mit Luna und Fayad abgereist ist nach Chios. Sie werden am 13. Juni nochmal für ein paar Tage zurückkommen, bis sie dann am 17. Juni nach Athen und dann zurück nach Österreich fliegen.
Um 14:30 Uhr starten Panayotis und ich ins Camp. Pana ist 62 Jahre alt und ein großartiger Mensch. Ein Grieche im besten Sinn. Er war bis zur Pension Feuerwehrmann. Erst in Athen und denn 25 Jahre in Mytilini. Sein ehemaliger Chef ist jetzt der Direktor der Camps Kara Tepe, in das wir täglich fahren.
Panayotis liebt alle Menschen, sagt er, besonders die Kinder. Er liebt Musik und Tanz, Wein, Fisch und Uzo. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Als ihm gesagt wurde, dass ich Diakon bin, war er erst etwas reserviert – aus Respekt, wie er mir dann erklärte. Er ist ein sehr gläubiger Mensch und ist sehr traurig darüber, dass seine griechisch-orthodoxe Kirche so ablehnend gegen die Flüchtlinge agiert und jede Hilfe verweigert. Umso mehr engagiert er sich, jeden Tag, 7 Tage die Woche fährt er mit dem Van ins Camp, oft 2 – 3 Mal pro Tag und liefert Essen, Kleidung und andere Bedarfsgüter.
Immer wenn ich mit ihm ins Camp fahre, hören wir gemeinsam griechische liturgische Musik und Gesänge und er erklärt mir in seinem besten Englisch, was hier gesungen wird und wann. Es ist einfach nur schön mit ihm.
Wir fahren noch an unserem Lagerhaus vorbei und laden Rucksäcke und einen neuen Kinderwagen ein. Im Camp haben gestern ein paar Flüchtlinge gefragt, ob wir so was bringen können.

Gegen 15:00 h sind wir im Camp. Erst geht’s zur Quarantäne. Dort tragen wir die schwere Thermobox mit dem Essen durch schmale Wege zum Verteilungszelt. Natürlich tragen wir FFP2-Masken und desinfizieren uns immer wieder die Hände. Ich bin echt froh, den vollen Impfschutz zu haben.
Am Verteilplatz in der Mitte des Camps wird der Van wie jeden Tag erwartet. Ein großes Hallo, als mich die „Helpers“ wiedersehen. Man kennt sich mittlerweile und es ist schön, wenn man so empfangen wird.
Heut ist es ziemlich hektisch. Schon bei der Einfahrt ins Camp haben wir den Campdirektor mit einer Delegation gesehen, ca. 6 – 7 Leute. Die kamen jetzt auch zu uns. Der Campchef kennt ja den Panayotis. Wir wurden vorgestellt. Es ist eine Regierungsdelegation aus Holland. Sie besichtigen heute das Camp. Eine Frau aus einem Ministerium – ich hab nicht verstanden, welches – hat mich gefragt, wo ich herkomme und wie mein Eindruck ist von Kara Tepe. Ich hab ihr gesagt, was ich erlebe und denke – Positives und auch Negatives. Sie war anscheinend sehr überrascht, weil sie nur positive Entwicklungen gehört hat.
Tja… man sollte halt die fragen, die hier leben oder die hier helfen, nicht die offiziellen Vertreter der griechischen Regierung. 15 min später sehe ich dann zwei Damen der Holländischen Delegation hinter dem Gemüsestand im Camp medienwirksam Tomaten und Gurken in Tüten legen und einigen Flüchtlingen „schenken“. Das darf natürlich gefilmt und fotografiert werden – aber danach sofort Kamera aus…
Ich werd etwas zornig… typisch Politiker… sind vielleicht 1 Stunde hier im dreckigen Camp, positionieren sich für ein Imagefoto und sind dann wieder weg. Zu Hause wird dann groß berichtet, was sie alles erlebt haben und für die Flüchtlinge tun werden.
Ich kann mit solchen Leuten einfach nix anfangen…. Maulhelden!!!
Nach der Essenausgabe an die Helpers kommt eine Frau mit 3 Kindern zu unserem Van. „Hey, Panayotis“ sag ich, „this mom will get the baby stroller. What do you think?“ Sofort ist er einverstanden. Die Freude der Mutter ist riesig. Die Helpers bringen den verpackten Kinderwagen über schmale Trampelpfade zum Zelt Nr. 459. Ich werde eingeladen, mitzukommen zur Übergabe. Es ist so schön die Freude der Mutter und der Kinder zu spüren. Das sind Momente, die einem sehr viel Kraft geben und auch große innere Freude. Wie schön ist es, helfen zu können und zu dürfen, wie schön ist es für mich Diakon zu sein.
Zurück am Van nehme ich noch Wünsche von anderen Flüchtlingen auf und notiere mir alles: Elektrokocher, Damenunterwäsche, Monatsbinden, Kopftücher für 1 Mutter und 3 Töchter, 2 Paar Schuhe für Vater und Tochter und Öl, Mehl und Nudeln für eine kleine Familie. Ok, morgen vor der Tour ins Camp ins Lager fahren, einladen und mitnehmen. Menschen mit kleinen Dingen ein klein wenig glücklich machen… das baut auf…. deshalb machen wir das.
Nach der Camptour geht‘s mit griechisch-orthodoxen Gesängen im Van zurück zur Küche. Nachdem die DVD zu Ende ist, gibt‘s griechische Musik, natürlich laut und bei offenem Fenster. Pana fängt an mitzusingen und wippt während der Fahrt auf und ab… „Normally we drink Uzo and dance with such music. Hey my German friend, it was a great afternoon today…..“ Ja, das war es wirklich, lieber Pana…
Um ca. 17:30 h komme ich zurück in mein Apartment in Mytilini. Ich schreib dem Ziwir Safi, ob er zuhause ist, weil ich noch bei ihm vorbeikommen will. Ich habe Dokumente für ihn bzgl. seinem Asylantrag und will ihm auch sein wöchentliches Versorgungspaket bringen.
Um ca. 18:15 h bin ich bei ihm. Ich war mit Doro ja schon am Montag nach meiner Ankunft bei ihm und weiß, wo er wohnt. Ein paar Tage später, am 3. Juni, hab ich ihm auch die versprochenen Schuhe gebracht. Die Familie hat schon an der Tür ihrer sehr kleinen Wohnung, in einer Seitengasse in Mytinine, gewartet. Ich wurde wieder sehr freudig begrüßt und bekam von Safis Frau eine kühle selbstgemacht Zitronenlimonade. Ich hab gar nicht überlegt, ob ich das trinken soll wegen möglicherweise problematischem Trinkwasser hier. Es hat herrlich geschmeckt und echt erfrischt. Sie haben wirklich kein Geld, aber die Gastfreundschaft wird trotzdem groß geschrieben. Mit ihren mehr als bescheidenen Mittel begrüßen sie ihren Besuch und wahren so ihre Ehre… großartige Menschen.
Ich habe Safi gebeten, mitzukommen zum Einkaufen, um mir tragen zu helfen. Wie immer, dachte ich mir, werden wir Mehl, Milch, Eier, Nudeln, Öl, Wasser und Brot kaufen. Wir sind zum nahen Supermarkt gegangen. Ich war mehr als überrascht. Als ich zum Mehl griff sagte Safi: „No, not this, it is too expensive. I take the next one.“ Es waren 33 Cent pro Packung Unterschied….
Er nahm dann noch 3 l Milch (die billigste), 2 Packungen Linsen und 2 Packungen stilles Wasser. Das war alles was er brauchte. Das andere hat er alles noch daheim, er wollte nicht mehr. Ich musste ihn förmlich dazu drängen, dass er für die Kinder noch ein paar Süßigkeiten aussucht. Erst etwas scheu, hat er dann doch 2 Packungen Chips und eine Packung Cracker mitgenommen. Er wollte nur das haben, was die Familie unbedingt brauchte. Brot ist zu teuer, sagte er mir beim Heimgehen. Meine Frau macht deshalb aus Mehl und Öl daheim Fladenbrot. Das sind wir gewohnt und es ist billig.
„You know, Gunther, your organisation does so much for us and helps my family to hopefully get Asylum. All the money you spend for us comes from your donors. Thats why we are so grateful and it is our duty to keep our needs as low as possible“.
Was für eine Einstellung. Da könnte sich mancher bei uns daheim ein Beispiel nehmen.
Auf dem Heimweg zu seiner Wohnung durfte ich ihm nicht tragen helfen. Er hat alles selber nach Hause getragen…wieder eine Sache der Ehre für ihn. Tränen in den Augen bei ihm und seiner Frau, als ich mich verabschiedete, und die Kinder haben meine Beine festgehalten….
Bis nächste Woche, ihr Lieben…. Ich ging den Weg zurück in meine Wohnung… freudig und bewegt…
Ich hab die Vesper gebetet, wie immer, diese Zeilen geschrieben und dann nach der Komplet ins Bett gegangen….. ein guter Tag…
Samstag, 12. Juni, Tag 14 von 76
Wie jeden Tag war ich auch heut schon um 6 Uhr wach. Noch ein bisschen hin und her gedreht und dann doch aufgestanden.
Duschen, Laudes, Katzen füttern und dann noch etwas Ruhe vor der Abfahrt. Ich hab vergessen, dass wir uns erst um 10 Uhr in Warehouse treffen wollten. Ich war also schon um 8 Uhr im „Restaurant“. Es war noch niemand da also bin ich um die Ecke zu Nikos gegangen, der mit Panayotis um die Zeit schon immer in seinem Fischladen sitzt.
Wir haben etwas geplaudert und über die Kirche und den Glauben gesprochen. Wir tun dies sehr oft. Beide sind sehr interessiert, was in der katholischen Kirche anders ist als in der orthodoxen. Sie erzählten wir – wie so oft – wie wichtig der Glaube für sie ist und wie enttäuscht sie sind, wie sich die orthodoxe Kirche hier in Griechenland zu den Flüchtlingen verhält.
Sie respektieren mich so sehr, dass es mir wirklich peinlich ist. Aber immer wieder höre ich von ihnen, wie sehr sie es schätzen, dass jemand von der Kirche hier an der Basis mitarbeitet. Sie sagen: „Du bist da, wo es weh tut und scheust Dich nicht, auch die niedrigsten Arbeiten zu machen“.
Hmmm… ist das nicht die Aufgabe eines Christen…. Hat uns Jesus das nicht gesagt? Es ist dieser Auftrag Christi, der mich täglich anspornt. Leider musste ich 65 Jahre alt werden um dies auch wirklich umzusetzen……oder zumindest versuch ich es.
Um 10:00 Uhr waren wir dann im Warehouse, Asha, Kris, Katerina und ich. 1100 Flüchtlinge, vorrangig Familien, wollen wir morgen versorgen mit Flüssigseife, Kindershampoo und einem Seifenspender. Alles wurde zusammengestellt und auf Paletten für die Verladung in den Van bereitgestellt. 3 Stunden haben wir dafür gebraucht. Ok, für morgen somit alles klar.
Um kurz nach 13 Uhr sind wir zurück zum „Restaurant“ (so nennen wir unseren Stützpunkt, in dem auch unsere Küche ist – war früher eine Taverne bevor der Besitzer die Flüchtlingshilfe begonnen hat) angefahren.
Ich war echt schockiert, als ich sah, dass das zu liefernde Essen bei weitem noch nicht fertig war. In der Küche ist tüchtig was schief gelaufen, was, weiß ich nicht. Es war schon fast 14:00 h aber es fehlten noch ca. 350 Portionen. Ich hab auch deutlich zu erkennen gegeben, dass wir darauf achten müssen, die Zeiten einzuhalten. Die Leute waren nicht gut eingeteilt, zu viele waren anderweitig beschäftigt und zu wenige in der Küche.
Ton und ich sind mit dem fertigen Essen schon mal voraus ins Camp gefahren um zumindest die Leute in Quarantäne zu versorgen. Es ist schlimm, die Menschen warten zu lassen, zumindest für uns Volunteers, die Griechen sehen das evtl. ertwas anders.
Bei der Rückfahrt vom Camp sind Ton und ich über Moria gefahren und waren kurz an dem Platz, an dem das frühere Lager Moria war, das im September 2020 abgebrannt ist. Es wieder ein Ort, an dem ich ganz still geworden bin. Die verkohlten Olivenbäume, soweit das Auge reicht. 25.000 Flüchtlinge waren dort…unvorstellbare Ausmaße muss dieses Lager gehabt haben. Wir sehen noch den Müll, der herumliegt, verbrannte Kinderschuhe und Spielzeug liegen am Weg, der voller Scherben und schwarzer Steine ist. Welche Dramen haben sich hier wohl abgespielt…
Ich spreche ein kurzes leises Gebet und verlasse den Ort schweigend und voller Wehmut.
Für heute reichts mir. Ich fahre zurück zur Wohnung und geh nach dem Vespergebet schon um 8 Uhr ins Bett. Ich bin müde, müde von den vielen Eindrücken, über die ich viel nachdenke.
Sonntag, 13. Juni, Tag 15 von 76
Um 6:45 h bin ich heut aufgestanden. Ich hab fast 10 Stunden geschlafen…das hat so richtig gut getan. Ich hab dann am Handy gesehen, dass meine Cousine angerufen hat. Das war um 6:30 h meiner Zeit, d.h. 05:30 in Deutschland. Ich hab mir echt gedacht, das war ein Versehen, da keine Nachricht auf Whats App bzw. Signal zu sehen war.
Ich weiß, meine Tante ist seit ein paar Tagen im Krankenhaus. Ich hab vorgestern mit ihr telefoniert und sie hat sich gefreut, mich zu hören. Wir konnten aber leider nur kurz sprechen, weil sie gerade von einer Schwester neuen Sauerstoff bekam.
Ich hab dann nicht weiter nachgedacht über den Anruf meiner Cousine.
Ich bin um kurz vor 8, nach der Laudes und dem morgentlichen Füttern der Katzen, losgefahren. Wir wollen uns heut um 8:30 h am Restaurant treffen, um dann zusammen zum Warehouse zu fahren.
Warum ich gleich zum Warehouse gefahren bin kann ich gar nicht sagen. Ich war mit den Gedanken ganz wo anders, eben doch bei dem Anruf meiner Cousine. Am Warehouse angekommen hab ich sie angerufen. Ich merkte sofort, dass es wohl eine traurige Nachricht gibt. Meine Cousine sagte mir, dass die Mutter gestern spät nachmittags von der Ärztin wohl die Nachricht bekommen hat, dass es für sie nicht mehr lange dauert…. Daraufhin ist sie wohl eigenständig und ohne jemanden zu informieren aus dem Krankenhaus verschwunden und wird seitdem vermisst. Die nächtliche Suchaktion wurde abgebrochen und heute um 7 h morgens wieder aufgenommen. Mit brüchiger Stimme und unter vielen Tränen hat mir meine Cousine das und noch vieles mehr berichtet. Ich hab auch noch mit meinem Onkel gesprochen, der sehr leise und mit zittriger Stimme gesprochen hat.
…..und ich bin hier auf Lesbos und nicht zu Hause bei meine lieben Verwandten, die für mich so wichtig und wirklich Familie geworden sind…. Ich konnte nicht mal weinen…
Warum jetzt auch das noch…meine andere Tante hat Krebs im Endstadium und wird wohl auch in den nächsten Monaten sterben….dann all das Leid hier im Lager….was mach ich nur…
15 Minuten Ruhe… still beten… den Herrn um Kraft bitten … kann ich nicht richtig….zu viele Fragen an ihn…zu viele Vorwürfe werf ich ihm hin…meinem Gott….
Ich muss weitermachen, hilft nix, ich werd das schaffen… wie, weiß ich in dem Moment noch nicht. Ich fahre zum „Restaurant“ und hol die andern ab und wieder zurück zum Warehaus.

Den Van beladen wir mit dem bereitgestellten Pflegemitteln und los ins Camp. Die Kollegen haben mir wohl angemerkt, dass etwas nicht stimmt mit mir. Ich hab‘s ihnen dann erzählt. Sie haben mir echt Trost gegeben, mich umarmt und mir gesagt, dass wir eine Familie sind hier und sie mich grad jetzt nicht allein lassen. Eine großartige Gemeinschaft sind wir, das merk ich immer wieder und gerade jetzt tut das so gut.
Im Camp angekommen beginnen wir mit dem Verteilen der Körperpflegemittel. Die Helpers sind fleißig und voller Hilfsbereitschaft. Ich gehe mit einem Team in die Sektion der Syrer und Afghanen. Die Hitze und die Enge zwischen den Zelten machen die Verteilung nicht einfach. Jedem Empfänger wird erklärt, wie er den Seifenspender zu befüllen und zu bedienen hat: Die schwarze Flasche ist nur zum Hände waschen und nicht fürs Gesicht. Den Spender mit halb Wasser und halb Flüssigseife befüllen, dann gibt es den benötigten Schaum. Besonders die älteren Leute brauchen etwas länger um das zu verstehen. Aber in jedem Gesicht sehe ich Dankbarkeit und Freude über diese Hilfe.
Was für mich wirklich schlimm ist, ist der Gestank hier. Zwischen den Zelten sind Abwassergräben, die von oben nach unten durchs Lager führen. Es stinkt teilweise fürchterlich – grad auch wegen der Hitze. Hier leben Menschen und spielen Kinder teilweise wirklich im Dreck. Es ist unbegreiflich, wie das teilweise aussieht. Ich bin echt erschrocken.
Ich möchte, dass unsere Politiker sich das hier mal ansehen. Dann würden sie vielleicht doch mal dafür kämpfen was zu verändern. Aber wenn Vertreter von Regierungen hier erscheinen, werden sie an den Hauptstraßen entlang geführt und es wird ihnen erzählt, wie gut hier alles ist und welche großen Fortschritte man hier schon gemacht hat und weiter macht. Für mich alles bla bla bla.
Für die Politiker ist es dann aber wichtig schöne Bilder zu machen, wie sie vielleicht ein Kind streicheln oder, wie die holländische Delegation, die kürzlich im Camp war, kameragerecht Lebensmittel verteilen. Nach 30 Minuten sind sie in der Regel wieder verschwunden und berichten dann daheim, wie sie sich für die Menschen hier einsetzen. Maulhelden, kann ich nur sagen, Maulhelden, sonst nichts.
Wir sind mit unserer Arbeit um halb 2 fertig und fahren etwas müde aber zufrieden zurück zum Restaurant. Ton und ich freuen uns auf ein kühles Bier, das ich sofort nach Ankunft im benachbarten Laden kaufe. Und die liebe Katerina hat für uns eine Überraschung. Sie bringt uns aus der Küche frische gebratene Sardinen auf Tomatenragout und dazu einen feinen griechischen Salat…ein Festessen …
Maurizio kommt noch kurz vorbei um sich zu verabschieden. Er fährt heute auf die Insel Patmos und nach ein paar Tagen dort zurück nach Mailand. Er war etwas über 4 Wochen hier. Ich durfte mit ihm noch 2 Wochen zusammenarbeiten. Es ist ein großartiger Mensch, voller Humor und Herzlichkeit…und ehrlich gesagt, er sieht verdammt gut aus. Alle mögen ihn und wir bedauern es sehr, dass er abreist. Auch ich bin etwas traurig drüber…passt voll zu dem heutigen Tag …„Mach‘s gut, lieber Maurizio, wirst mir fehlen“.
Um halb 3 kommt die Frage auf, wer mit Panayotis jetzt ins Camp fährt zum Essen verteilen. Alle sind heut etwas müde vom Vormittag… ok…ich fahr mit. Ich bin doch deswegen hier…
Wir sind um 3 im Camp, das Essen ist innerhalb 1,5 Stunden verteilt. Immer wieder kommen Flüchtlinge zu uns mit Fragen und Wünschen. Heute wieder eine junge Mutter mit einem 5 Wochen alten Kind. Ok, Kinderwagen wird notiert. Ein junger Afghane braucht dringend Schuhe, Größe 42. Ich sehe seine zerschlissenen Sandalen…ok, notiert. Ein anderer bittet mich, ihm zu helfen, er hat seine Dokumente bekommen und wartet nur noch auf seinen Pass, den er innerhalb der nächsten 4 Wochen bekommen soll. Er will nach München zu seinen Verwandten. Als er hört, dass ich aus Bayern komme, bittet er mich um Hilfe. Ich versuche es, wir bleiben in Verbindung. Vielleicht kann mir Mahdi, unser Familienfreund aus Mühldorf, dabei helfen.
Ok, für heute reicht‘s. Um kurz vor 5 verlassen wir das Camp und fahren zurück. Zunächst noch zum Warehouse um nach passenden Schuhen zu suchen. Wir haben keine in Größe 42 gefunden. Ich werde also morgen in Mytilini welche kaufen müssen. Dafür hab ich ja auch Geld von Spendern bekommen, um es für solche Notfälle zu verwenden.
Um kurz nach 6 bin ich dann endlich zu Hause. Blumen gießen, Katzen füttern, duschen, etwas essen und die Vesper beten, so geht auch dieser Sonntag zu Ende.
Ich hab noch kurz mit meiner Frau telefoniert ob‘s was Neues gibt von meiner Tante…leider nicht. Sie ist immer noch vermisst…
Es ist schrecklich…ich werd jetzt auch mein Handy abschalten… ich brauch Ruhe, nachdem ich diesen Bericht geschrieben habe… es hat allerdings auch gutgetan, das alles zu schreiben… es geht ein kleinwenig besser jetzt…
Montag, 14 Juni, Tag 16 von 76
Die ganze Nacht hat‘s geregnet. Endlich, die Luft ist wieder klarer und frischer. Der Himmel ist immer noch bewölkt als ich wegfahre zum Stützpunkt. Es ist kurz vor 8. Wir haben vereinbart, dass wir heute gleich in der Früh den Platz vor der Küche wieder mal richtig sauber machen. Die Lebensmittelkontrolle kommt immer wieder mal vorbei und wir müssen vermeiden, dass wir auch nur einen kleinen Anstoß geben zu Beschwerden. Es sind sowieso viele dagegen, was der Nico mit seiner ehemaligen Taverne macht. Er hat immer wieder Schwierigkeiten. Wer den Flüchtlingen hilft, ist hier nicht immer gut angesehen, schon gar nicht bei den lokalen Behörden.
Ich bin wie jeden Tag als Erster da. Ich leere die Mülltonnen und den großen, offenen Müllbehälter in die nahegelegenen großen Müllmulden. Mülltrennung gibt’s hier nicht. Alles rein, egal ob Plastik, Pappe oder Speisereste…. Danach mach ich mit Besen und Schlauch den Vorplatz sauber. Jetzt ist alles wieder ok. Nun kommt die morgendliche Routine…Thermoboxen und Tragetaschen säubern und trocknen. Heut ist’s bewölkt, heut trocknet‘s leider nicht die Sonne…
Ich telefoniere mit meiner Cousine und dann mit meinem Onkel. Beide sind sehr gefasst und ruhig. Sie haben sich anscheinend damit abgefunden, dass meine Tante ihren letzten Weg selbst gewählt hat. Wir haben lange gesprochen und es hat ihnen und auch mir gut getan, so schlimm die Situation auch ist…
Um kurz vor 9 sind dann alle da und los geht’s in der Küche. Heut gibt’s Hähnchenkeulen mit Reis oder Bohnen und Nudeln mit einer feinen Tomaten-Zwiebelsoße. Für die Kranken gibt’s gedünstete Kartoffeln und Zucchini mit Oregano. Es gilt u.a. ca. 25 kg Zwiebeln zu schälen. Nachdem alle sagten, dass sie das nicht schaffen, weil sie das in den Augen nicht vertragen, mach ich es halt. Von 9 bis kurz nach 10 hab ich halt Zwiebeln geschält.
Um kurz vor 11 bin ich mit den Essensrationen los zur Außentour: ins Gefängnis, zu den beiden Behinderteneinrichtungen und zu Eleni, der alleinstehenden Mutter mit 3 Kindern, die nur sehr wenig Unterstützung erhält.
Den Behinderten hab ich heut zusätzlich Bananen mitgebracht die sie sich so sehr gewünscht haben. Entsprechend groß war der Empfang für mich. Ich wurde noch gebeten, morgen 10 Seifenspender, Flüssigseife und, sofern möglich, Mineralwasser mit Melonengeschmack mitzubringen…. natürlich werd ich das morgen mitbringen. Ist alles in unserem Warehouse und alles aus Spenden finanziert.
Bei der Rückfahrt zur Küche kaufe ich noch Turnschuhe. Um die hat mich gestern im Camp ein junger Afghane gebeten, der hoffentlich demnächst seinen Pass bekommt und nach Deutschland will. Den Kinderwagen für die junge Mutter, die gestern im Camp bei uns am Auto war, können wir leider erst am Dienstag früh bekommen.
Nach der Rückkehr zur Küche helfe ich gleich beim Aufteilen und Verstauen der Essen. Wir müssen um halb 3 spätestens los zur Verteilung im Camp. Es klappt auch gut. Wir sind pünktlich am Treffpunkt im Camp. Die Helfer sind zur Stelle und verteilen die 1100 Essenrationen in die Zelte. Ich bleib beim Fahrzeug heut.
Groß ist die Freude bei dem jungen Mann, der mich um die die Schuhe gebeten hat, als er mich sieht. „Hallo; wie geht es Ihnen“ sagt er auf Deutsch. Ich bin überrascht…
„You know, I try to learn German, and I try it hard, every day. Ich mocht gern zu Deutschland kommen und muss lernen deutsch sprechen mit internet“.
Dann sieht er die Schuhe… „Oh my dear friend, you did not forget me. Oh…..“ Ich gebe sie ihm, ein neues Paar Nike Sportschuhe. Er ist den Tränen nahe….
Auch die Frau, der ich einen Elektrokochtopf gebe ist überglücklich. So einfach ist es, Menschen glücklich zu machen…
Um kurz vor 17:00 h fahren wir wieder ab. Zurück zur Küche, Van ausladen und dann „heim“ in die Wohnung. Ich hab Hunger und Durst. Hatte heut fast nix getrunken und nur sehr wenig gegessen….keine Zeit…
Trotzdem war’s heut ein guter Tag…