Menu

MHG-Studie


Missbrauchsstudie: „Die Studie zwingt uns auf unsere hässlichsten Seiten zu blicken“
 

Das Bistum Passau hat dem Forschungskonsortium insgesamt 28 Beschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker gemeldet. 23 Beschuldigungen beziehen sich auf den Zeitraum 2000 bis einschließlich 2014 und 5 weitere Beschuldigungen sind dem Zeitraum zwischen 1946 und 2000 zuzuordnen.

 

Wir müssen als Kirche auf unsere eigenen tiefschwarzen Flecken, auf Geschwüre aus Lügen, Gewalt und Vertuschung schauen. Auf das, was Priester, Diakone und Ordensmänner schutzlosen jungen Menschen angetan haben“, sagte Bischof Oster mit Blick auf die bekannt gewordenen Ergebnisse der MHG-Studie (Studie zu „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“), an der sich alle deutschen Diözesen beteiligt haben. „Es erfüllt mich mit tiefer Scham und mit großer Trauer. Wir können die Opfer nur um Vergebung bitten und versuchen, unseren Beitrag zur Heilung von Wunden zu leisten. Die Narben werden bleiben. Auch in unserem Bistum haben sich Priester schuldig gemacht“, so der Bischof. Wir sind als Kirche dazu aufgerufen, alles zu tun, damit so etwas Schreckliches nach Möglichkeit verhindert wird. „Ein Weg dazu ist für mich auch diese Studie. Sie zwingt uns, auf unsere hässlichsten Seiten zu blicken und sie zeigt uns, dass wir nicht müde werden dürfen, immer wieder und immer wieder uns selbst zu prüfen. Ich bin den Autoren der Studie dankbar für ihre Klarheit und Gründlichkeit; aber auch den Journalisten und Medien, die den Opfern ein Gesicht und eine Stimme gegeben haben. Ich bin überzeugt, dass es Kirche nicht aus eigener Kraft geschafft hätte, dieses dunkle Kapitel des Verrats am Evangelium von sich aus aufzuarbeiten.“
>>>Videostatement - Bischof Oster bittet um Vergebung

>>>Bischof Oster: "Zölibat ist nicht das Problem" - Interview im ZDF-Morgenmagazin

Aufarbeitung im Bistum Passau seit 2010  

„Im Bistum Passau ist im Rahmen der ersten Missbrauchswelle ab dem Jahr 2010 Hinweisen auf sexuellen Missbrauch oder Gewaltanwendung durch 40 Personen nachgegangen worden“, erklärt Generalvikar Dr. Klaus Metzl. Im Rahmen der MHG-Studie, die sich inhaltlich auf Vergehen des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker beschränkte, wurden im Bistum Passau insgesamt 608 Personalakten gesichtet, darin wurden 23 Beschuldigte ausgemacht. Nicht in allen Fällen haben sich die Beschuldigungen juristisch bestätigt. „Statistisch gesehen entspricht der Durchschnitt von rund vier Prozent damit ungefähr dem Durchschnitt der bundesweiten MHG-Studie, auch bei dem Verhältnis der weiblichen und männlichen Betroffenen liegt die Diözese mit einem Verhältnis von 40 zu 60 Prozent nahe am festgestellten Durchschnitt der Studie. Zu den Personalakten lässt sich sagen, dass diese ab dem Jahr 2000 von Priestern, Diakonen sowie männlichen Ordensangehörigen untersucht wurden sowie weitere Akten ab 1946 soweit diese sich im Geheimarchiv befanden oder bereits aus der Zeit der Aufarbeitung ab dem Jahr 2010 einschlägig bekannt waren. In fünf Fällen wurden Akten in Rom bei der Glaubenskongregation vorgelegt. Vier davon betreffen Passauer Diözesanpriester, eine Akte bezieht sich auf einen Ordensmann, der für die Diözese Passau tätig war.

 

Generalvikar Dr. Klaus Metzl zur Situation im Bistum Passau:

 

Zeitliche Einordnung der Beschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs

 

Das Bistum Passau sollte laut Auftrag des Forschungskonsortiums für die Studie die Personalakten zwischen den Jahren 2000 und 2014 untersuchen. Die Untersuchung ergab 23 Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs. Fünf bereits im Zuge der Aufarbeitung bekannt gewordene Fälle lassen sich zwischen dem Zeitraum von 1946 und dem Jahr 2000 einordnen, so der Generalvikar weiter. „Natürlich gehen wir davon aus, dass es hier noch mehr Opfer gibt, die sich nicht gemeldet haben“, betont der Generalvikar. Soweit bereits ab 2010 die Opfer namentlich ermittelt werden konnten, wurde mit diesen schriftlich oder mündlich Kontakt aufgenommen. „Es haben sich aber auch Opfer gemeldet, die anonym bleiben wollten und die über ihr Leid entweder mit mir, unseren Beauftragten für die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs oder auch mit dem Bischof sprechen wollten und auch gesprochen haben“, so der Generalvikar weiter. „Uns war dabei immer wichtig, diesen Menschen Gehör und Zeit zu geben und ihnen für ihren Mut zu danken, dass sie Angst oder Scham überwunden und sich gemeldet haben. Wir wollten Raum geben, damit diese Personen ihre eigene Erfahrung aussprechen und ein Stück weiterverarbeiten können. Wie gesagt, wurde dabei von einigen auch der Wunsch geäußert, anonym bleiben zu wollen und keine weitere Hilfe – in finanzieller oder therapeutischer Sicht – annehmen zu wollen“, so Metzl. „Sie hatten sich nach all den Jahren des Leids ein soziales und berufliches Leben aufgebaut und äußerten die Befürchtung, dass sie bei Bekanntwerden nur noch als Opfer gesehen werden würden.“ So wurde im Bistum Passau bis dato lediglich in einem einzigen Fall eine Entschädigungszahlung beantragt und in Höhe von 9000 Euro ausbezahlt.

 

Was passierte mit den Tätern?

Soweit die Priester nicht schon verstorben waren oder die Opfer einen entgegenstehenden Willen geäußert haben, haben wir die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft vorgelegt. Zudem wurden im Bistum Passau entsprechend der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz in sieben Fällen (entspricht 25 Prozent der bekannt gewordenen Fälle) kirchenrechtliche Verfahren durchgeführt. In drei Fällen wurden die Täter strafrechtlich verfolgt. Ein Verfahren endete mit einer Verurteilung wegen Verbreitung pornographischer Schriften, eine Verfahrenseinstellung gegen Zahlung einer Auflage (Opferentschädigung) und ein Verfahren wurde nach Polen abgegeben und dort eingestellt, da der Beschuldigte während der Ermittlungen verstorben ist. In einigen Fällen waren die Taten bereits verjährt. Kirchenrechtlich wurde in vier Fällen Zelebrationsverbot verhängt, zudem ist der Großteil der Täter bereits verstorben.

 

Gab es weitere Vorfälle nach dem Forschungszeitraum bis 2014?

„Ja, in der Diözese Passau wurden nach 2014 bis heute zwei weitere Fälle von möglichem Missbrauch angezeigt. In beiden Fällen wurde der Beraterstab informiert und das weitere Vorgehen abgestimmt. Ein Fall wurde unmittelbar an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet – das Ermittlungsverfahren wurde jedoch eingestellt. In dem zweiten Fall wurde die Plausibilität der Anschuldigungen in einem kirchenrechtlichen Verfahren untersucht – auch dieser Vorgang wurde nach dem Ergebnis des kirchenrechtlichen Verfahrens eingestellt.

 

Welche Präventionsmaßnahmen gibt es in der Kirche von Passau?

Franz Stadlberger ist an der Stabsstelle im Generalvikariat „Prävention gegen sexualisierte Gewalt“ mit halber Stelle verantwortlich für die Koordination der Präventionsarbeit im Bistum. Ihm steht ein interner Beraterstab zur Seite. Zu ihren Aufgaben gehört: Unterstützung, Vernetzung und Steuerung der diözesanen Aktivitäten in der Präventionsarbeit, wie die Beratung und Abstimmung institutioneller Schutzkonzepte, aber auch die Organisation von Schulungen für Multiplikatoren und Mitarbeiter. Dabei sind die beiden Ziele der Deutschen Bischöfe, eine neue Kultur des achtsamen Miteinanders zu entwickeln sowie die Umsetzung eines institutionellen Schutzkonzeptes, im Mittelpunkt der täglichen Arbeit.
Seit 2012 finden kontinuierlich Informationsveranstaltungen sowie eintägige Workshops für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Führungskräfte statt. Priester, Diakone sowie Gemeinde- und Pastoralreferenten und -innen der Diözese wurden bereits 2012 in dieser Thematik sensibilisiert. Seit 2014 wurden neue in der Pastoral wirkende Personen mit einem eintägigen Workshop begleitet. „Bereits im Rahmen der Priesterausbildung findet eine intensive Auseinandersetzung mit den Lebensthemen Zölibat und Sexualität statt“, betont Generalvikar Dr. Metzl. Der Kurs ist in mehrere Blöcke eingeteilt. Im Rahmen des vorbereitenden propädeutischen Jahres werden die Seminaristen unter anderem durch einen Tageskurs unter der Leitung von Franz Stadlberger zum Thema Prävention gegen sexualisierte Gewalt unterrichtet. Weitere Fachreferenten gestalten eine thematische Einheit zum Thema „Ehe und Zölibat im Dialog“ sowie eine pastoralpsychologische Einheit, die die Seminaristen allesamt auf ihren Einsatz an den Praktikumsstellen vorbereitet. Während der weiteren Ausbildung im Priesterseminar Regensburg gibt es verschiedene Inhalte zu diesem Thema. Bei der Begleitung der Persönlichkeitsentwicklung der Kandidaten durch Gespräche und Praktika wird gerade vor dem Hintergrund der Prävention auf die persönliche Reife besonders geachtet. Ebenso wird in den ersten drei Dienstjahren regelmäßig konkret Bezug genommen, indem vertiefende Fortbildungen zum Thema Prävention verpflichtender Bestandteil der Berufseinführung sind. In den nächsten Tagen wird sich Bischof Stefan Oster angesichts der erschütternden Ergebnisse der Studie mit seinen Priestern zum Austausch und Gespräch treffen.

 

Was passiert, wenn ein möglicher Missbrauch bekannt wird?

Dem Bischof steht in Missbrauchsfällen ein unabhängiger Beraterstab zur Seite, der sich wie folgt zusammensetzt: ein Geistlicher, ein Kirchenrechtler, ein Psychologe als Leiter einer Lebensberatungsstelle sowie ein Jurist. Gemäß den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) wird im Missbrauchsfall immer einer der ernannten Missbrauchsbeauftragten informiert. Diese setzen unverzüglich den Bischof in Kenntnis. Dieser stimmt dann wiederum das weitere Vorgehen mit dem ihm zur Seite gestellten Beraterstab ab. Die weitere Vorgehensweise (Opferschutz, Staatsanwaltschaft etc.) wird mit dem Beraterstab abgestimmt.

 

Wie geht es weiter?

Prävention kann sicherlich nur eine Maßnahme sein. „Dauerhafte Prävention ist mehr als wichtig und notwendig, einen 100prozentigen Schutz wird sie nie geben können. Auch das bestätigt die Studie“, betont Bischof Oster. „Umso wichtiger ist es daher auch, dass jede Einzelne und jeder Einzelne in unserer Glaubensgemeinschaft achtsam ist: zu hören, zu sehen, wahrzunehmen und den Mut zu haben Auffälliges anzuzeigen und zu melden.“

 

Die Missbrauchsbeauftragten des Bistums Passau

Sämtliche Beratungs- und Beschwerdestellen sind verpflichtet, begründete Verdachtsfälle des Vorliegens von sexuellem Missbrauch unverzüglich an die Missbrauchsbeauftragten der Diözese Passau weiterzuleiten. Auch alle sonstigen Personen und Einrichtungen, denen Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch bekannt werden, werden dringend aufgefordert, sich diesbezüglich an die Missbrauchsbeauftragten der Diözese Passau zu wenden:

Dr. Josef Meier
Brunnhäuslweg 3, 94032 Passau
Tel. 0851 / 35 5 66
E-Mail: dr.j.meier@gmail.com
Rosemarie Weber
Nibelungenplatz 1, 94032 Passau
Tel. 0851 / 50 19 76 0
E-Mail: info@kanzlei-rweber.de

 

 

Die bundesweite, kostenfreie und anonyme Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, für Fachkräfte und für alle Interessierten ist das „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ – zu erreichen unter der Nummer 08002255530. Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.hilfeportal-missbrauch.de/startseite.html